Freitag, 28. Dezember 2018

Flüchtiges Glück.

Else Feldmann, 1884 in Wien in eine kinderreiche jüdische Familie geboren und in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, war Zeit ihres Lebens engagierte Sozialistin und Fürbitterin armer Menschen, vor allem Kinder- und Frauenthemen hat sie bearbeitet. Ihre Sozialreportagen sind – in Zeiten eines erstarkenden Rechtspopulismus und Diskussionen über Mindestsicherung und Notstandshilfe – erschreckend aktuell. Unter dem Titel Flüchtiges Glück. Reportagen aus der Zwischenkriegszeit ist jetzt eine Auswahl von Feldmanns Texten aus den Jahren 1919 bis 1938 erschienen.

Zitat: Eine unerhört bewegte Welt da unten.

Es sind Sätze wie dieser aus dem Jahr 1922, die uns bei der Lektüre von Else Feldmanns Reportagen innehalten lassen. Treffsicher und doch lakonisch beschreibt die Autorin das, was sich vor ihren Augen abspielt.

Zitat: Es ist unheimlich, wie dieses Getriebe nie zur Ruhe kommt – nie; die Wagen nicht zu fahren aufhören, die Menschen nicht durcheinander zu eilen, und man möchte die Nacht vor dem Fenster erwarten, um endlich Ruhe eintreten zu sehen.

Aus einem Fenster beobachtet die erzählende Person die Szenerie. Nimmt schließlich ein Fernglas zur Hand, entdeckt Details, blickt in Gesichter.

Zitat: Vor der Haltestelle der Straßenbahn drängen sich die Leute, Arbeiter, Angestellte fahren heim, sie stoßen sich im Wagen: Jeder möchte sitzen; sie haben alle mißmutige, verbrauchte Gesichter, sie runzeln die Stirnen; kaum sitzen sie, schließen sie die Augen und atmen auf; sie sind müde…

Else Feldmann wächst in den ärmlichen jüdischen Vierteln des zweiten und des zwanzigsten Wiener Gemeindebezirkes auf. Als Kind geht sie in die Armenschule, besucht später kurzzeitig eine Lehrerbildungsanstalt, arbeitet schließlich in einer Fabrik, in der Eisenfedern für Korsette hergestellt werden. 1911 tritt sie erstmals als Schriftstellerin in Erscheinung. Sie schreibt Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke. Sie besucht Kinderheime, Armenhäuser, Gefängnisse und Spitäler. Erzählt von Fabriksarbeiterinnen, Prostituierten und rachitischen Kindern.

Zitat: Jede Stunde ein Fluch, jeder Tag eine Hölle.

Wieder so eine Formulierung. Schonungslos. Doch für Else Feldmann, die 1918 den Zusammenbruch der österreichischen Monarchie und die Ausrufung der 1. Republik miterlebt hat, gibt es Hoffnung. Im Sozialismus.

Zitat: Wir träumen von der Gleichheit aller Menschen, wenn der kämpfende Sozialismus der siegende wird. 

Schreibt sie im Jahr 1919. Und weiter:

Zitat: Die allgemeine Nährpflicht wird Selbstverständlichkeit, wird Gesetz geworden sein. Es wird nicht mehr denkbar sein, daß Menschen das, was sie unbedingt zum physischen Überleben haben müssen, nicht bekommen sollten.

Else Feldmann veröffentlicht vor allem in der Arbeiterzeitung. Viele der Reportagen sind in der Ich-Form geschrieben, vieles wohl autobiografisch gefärbt, und erzählerisch dicht. Else Feldmann gehört nicht zur literarischen Elite ihrer Zeit, doch der Schriftsteller Felix Salten bleibt stets ihr Fürsprecher. Und Peter Altenberg, den sie bei einem Kuraufenthalt am Semmering kennenlernt, prägt sie nachhaltig.

Zitat: Ich habe ihn durch vier Monate jeden Tag gesehen. Nie hat mich ein Mensch reicher gemacht. Durch ihn lernte ich die Bäume kennen, den Schnee, die Sonne, den Mond, die Berge, den Wald, die Wiesen, die Sträucher und Blumen.

Von Bergen, Wiesen und Blumen schreibt Else Feldmann in den nächsten Jahrzehnten nicht oft. Ihre Texte sind selten hell, meist sind sie schummrig, oft dunkel. Else Feldmann bleibt dort stehen, wo andere vorbeieilen, schaut dort hin, wo andere wegschauen. Ihre Sozialreportagen sind wichtige Zeitdokumente, sie zeigen den bitteren Alltag, legen den Finger in die Wunden der jungen Republik. Einfühlsam und unerbittlich. Hier einige Zeilen aus einer Reportage aus dem Jahr 1932. Eine Wärmestube.

Zitat: Das letzte Haus dort, wo alle Gassen und Straßen enden, nur freier Himmel. Hier hat die menschliche Gesellschaft ihr Ende. […] Es riecht nach Heizung, Lysol, feuchten und schmutzigen Kleidern, nach Verwahrlosung und Verdammnis. Betrunkene dürfen nicht hinein. Aber sonst werden die Gäste nicht allzuviel mit Verboten geplagt. Sie kennen die Ordnung, sie kennen das Programm, jeder richtet sich schweigend danach.

Else Feldmann leidet Zeit ihres Lebens materielle Not. Ab 1934 wird es für sie immer schwieriger, zu publizieren. 1938 wird sie delogiert, wechselt immer wieder den Wohnort. Die Nationalsozialisten setzen ihre Texte auf die Liste „schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. 1942 wird die 58-jährige Frau in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort ermordet. Vieles, das Else Feldmann geschrieben hat, ist heute verschollen. Der letzte Roman blieb ein Fragment. Ein Leben voller Leerstellen. In einer Reportage aus dem Jahr 1925, in der sie von einer Art Beziehung zu einem jungen Mann erzählt, der schließlich stirbt, schreibt Feldmann.

Zitat: Ich aber stand da im vollen Bewußtsein, arm und leer – ein verlorener Mensch am Wege – und bin es seither geblieben.


Else Feldmann: Flüchtiges Glück. Reportagen aus der Zwischenkriegszeit (edition altelier, 2018)

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Die Filmpionierin im Dezember-Wina.

Neben vielen anderen tollen Artikeln ist diesmal auch wieder einer von mir dabei!

Dienstag, 11. Dezember 2018

Buch in Vorbereitung...

Hui, jetzt muss ich mich aber beeilen mit dem Schreiben. Am 20. Februar 2019 soll es erscheinen, das Buch über Louise Fleck. Hier kann man es bereits vorbestellen!

Mittwoch, 5. Dezember 2018

FC Gloria Filmpreise.

Bei der ersten Verleihung der FC Gloria Filmpreise für Filmemacherinnen war ich eingeladen, ein bisschen etwas über Louise Fleck, ihres Zeichens erste österreichische Regisseurin, zu erzählen! (Foto copyright Susanna Hofer)

Dienstag, 4. Dezember 2018

Kurt Klagsbrunn in Wort und Bild.

Pressekonferenz zur Ausstellung "Das Auge Brasiliens - Kurt Klagsbrunn". Es ist eine schöne Schau geworden, mit vielen kleinen Details aus dem Familienleben und tollen Fotos aus der professionellen Zeit. Ich habe auch für den Katalog einen Text geschrieben. Bitte lesen und ins Museum gehen!
Mit der Kuratorin Andrea Winklbauer, JMW-Direktorin Danielle Spera und Victor Klagsbrunn (Copyright JMW)











Ich habe mit der Aufarbeitung des Teilnachlasses den Anstoß zu dieser Ausstellung gegeben. Auch eine Ö1-Dimensionen-Sendung lief bereits.

Montag, 12. November 2018

Jetzt reicht´s dann langsam mit der Erfinderei.

Copyright Nikolaus Suchentrunk
Letzter Drehtag für die Serie von Unterrichtsfilmen übers Erfinden. Diesmal ging es um Startups. Ab nächstem Jahr sind die sches Folgen unter dem Titel "e² - entdecken und erfinden" über die Linzer Edugroup zu beziehen.

Freitag, 9. November 2018

Das Club 2 Sofa.

Vor wenigen Tagen bei der Buch Wien. Wir sprechen über das neue Jüdische Echo und sitzen dabei auf den originalen legendären Club 2 Sofas! Cool.

Samstag, 20. Oktober 2018

Vorletzte Erfinder und Erfinderinnen Folge.

Schöner, herbstlicher Dreh am Hendlberghof!

Donnerstag, 27. September 2018

Das Sechste von Sechs von Hundert Häusern.

Zum Abschluss nochmals ein zeithistorischer Beitrag. Wie würde Wien aussehen, wenn die NS-Pläne umgesetzt worden wären? Zum Glück ist uns das erspart geblieben. Hier zum Nachhören.

Dienstag, 25. September 2018

Das Fünfte von Sechs von Hundert Häusern.

Das Neue Theater in der Scala, ehemals Favoritenstraße. Ewig schad drum. Hier zum Nachhören.
Copyright: OENB

Donnerstag, 20. September 2018

Das Vierte von Sechs von Hundert Häusern.

Copyright: OENB
Wieder Linz. Diesmal die Geschichte der Vöest, vormals Hermann Göring Werke. Hier zum Nachhören.

Mittwoch, 19. September 2018

Hedi wants to be Hedy.

Unsere ErfinderInnen-Reihe geht weiter. Und unsere Hedi glaubt auch langsam, dass sie so berühmt ist wie Hedy Lamarr...

Zwei Folgen werden noch gedreht, dann können sich alle LehrerInnen der Neuen Mittelschulen die Filmchen bei der Linzer Edugroup runterladen.

Donnerstag, 6. September 2018

Das Dritte von Sechs von Hundert Häusern.

Heute geht es um das Französische Denkmal in der Gedenkstätte Mauthausen, 1949 als erstes Denkmal auf dem ehemaligen SS-Gelände errichtet. Hier zum Nachhören.

Mittwoch, 22. August 2018

Das Zweite von Sechs von Hundert Häusern.

Diesmal stelle ich das Linzer Brucknerhaus vor. Hier zum Nachhören.

Donnerstag, 16. August 2018

Nur falls wer fragt.

Was ich so in den letzten drei Wochen gemacht habe? Ein halbes Buch geschrieben. Der Rest muss bis Mitte Dezember fertig sein. Erscheint im Frühjahr im Verlag Mandelbaum. Wieder ein zeitgeschichtliches Thema. Es geht um Film, Kino, Flucht und Exil. Lasst euch überraschen!

Montag, 16. Juli 2018

Das Erste von Sechs von Hundert Häusern.

Eine unglaublich tolle Ö1-Reihe: "100 Häuser - Die Republik Österreich im Spiegel ihrer Architektur". Sechs Gebäude darf ich vorstellen, das Erste sind die Linzer Brückenkopfgebäude. Hier zum Nachhören.

Sonntag, 1. Juli 2018

Wer hat´s erfunden?

Im Auftrag der Linzer Plattform EduGroup drehen wir einen Unterrichtsfilm über österreichische ErfinderInnen, sechs Folgen à zehn Minuten. Sehr lustig und spannend und interessant und anstrengend! Hier waren wir im Ars Electronica Center in Linz!
Copyright Alexander Adlhoch

Mittwoch, 13. Juni 2018

Leon Zelman Preis 2018

Feierliche Preisverleihung im Stadtsenatssitzungssaal im Wiener Rathaus mit Familie, vielen Freunden und zahlreichen Festgästen. Die Laudatio hat Michael Baiculescu gehalten, der mein erstes Buch "Ziegensteig ins Paradies" im Mandebaumverlag herausgebracht hat. Derzeit arbeiten wir an einem neuen Projekt... Ein paar Eindrücke und Texte gibt es hier.

Dienstag, 29. Mai 2018

Dienstreise nach Linz.

Ich reise ins ferne Linz und mache dort mehrere Interviews für die Ö1-Serie "Hundert Häuser". Spannend, wenn man die Eltern- und Schulbesuchsstadt von einer anderen Seite kennen lernt!
Zwischendurch war ich bei der Ausstellungseröffnung von Silvia Sun im Ursulinenhof. Große Empfehlung!

Montag, 21. Mai 2018

Klagsbrunn im WINA-Magazin.

Ich habe einen Erlebnisaufsatz über meine Recherchearbeit zur Familie Klagsbrunn für das WINA-Magazin geschrieben. Schön!

Dienstag, 8. Mai 2018

Zufluchtsort Israel - Österr. Emigration nach Palästina.

Am Samstag ist es soweit. Unsere neue Dokumentation geht auf Sendung. Hier geht es zur Programmankündigung bei ORF III.

Neben bekannten Personen wie Ari Rath und Teddy Kollek, erzählen wir die Geschichten von Anna Ticho, die bereits 1912 emigriert ist, von Gabriel Volé, dessen Vater illegal nach Palästina flüchtete und der dann im Israel Philharmonic Orchestra seinen Platz als Kontrabassist fand, und von Fredi Dagan, dessen Familiengeschichte besonders tragisch ist und der sich 1955 als 18-Jähriger entschloss nach Israel auszuwandern. Die Historikerin Victoria Kumar bettet diese sehr persönlichen Geschichten in den zeithistorischen Kontext. Sie hat 2016 ein Buch zum Thema veröffentlicht: "Land der Verheißung - Ort der Zuflucht".

Hier die Termine, übersichtlich zusammengefasst, damit es keine Ausreden gibt:
  • Samstag, 12. Mai 2018, 20:15 Uhr, ORF III
  • Sonntag, 13. Mai 2018, 8:40 Uhr, ORF III
  • Montag, 14. Mai 2018, 1.05 Uhr, ORF III
Gestern Abend wurde die Doku im Jüdischen Museum in Wien präsentiert. Schöne Sache!
Ingrid Thurnher (Moderation), Uli Jürgens (Regie), Ernst Pohn (Redaktion ORF III), Talya Lador-Fresher (Israelische Botschafterin),
Danielle Spera (Direktorin JMW), Peter Schöber (Senderchef ORF III).
Copyright ORF Thomas Jantzen

Freitag, 20. April 2018

Doku basteln.

Schön, wenn alle Teile zusammen kommen, und wir großartige Sequenzen im Archivmaterial finden. Etwa das Palestine Orchestra in seinem Gründungsjahr 1936, heute heißt es Israel Philharmonic Orchestra!
Das Archivmaterial stammt vom United States Holocaust Memorial Museum.

Montag, 26. März 2018

Drehen in Israel.

Fünf spannende Tage in Israel: Tel Aviv, Kibbuz Kfar Blum, Jerusalem. Interessante Geschichten, sympathische Menschen, ein eigenartiges Land. Freue mich schon auf den Schnitt!







Freitag, 16. März 2018

ORF III Programmpräsentation.

Wir sind wieder mit einer Dokumentation für die Reihe zeit.geschichte dabei. Diesmal erzählen wir berührende Geschichten aus Israel. Am 12. Mai um 20.15 Uhr auf ORF III.

Donnerstag, 8. März 2018

Radiokolleg Spezial: "Anschluss 1938"

In diesem Ö1-Radiokolleg lassen die KollegInnen und ich die Tage des "Anschlusses" Revue passieren. Ich habe für jede Sendung einen Musikbeitrag gestaltet, der jeweils seinen Anfang im damaligen Radioprogramm nimmt.

Österreichs Musikschaffende im März 1938

Dabei habe ich verglichen, was in der Programmzeitschrift "Radio Wien" angekündigt und was dann laut Tageszeitungen wirklich gespielt wurde. Hier noch eine generelle Übersicht über alle vier Teile:

Teil 1 am 12. März 2018: Die Grenzüberschreitung. Über die Machtergreifung der Nationalsozialisten.
Musikstücke:
"Schinkenfleckerl" (Musik: Fritz Spielmann), es singt Hermann Leopoldi
"Über die Dauer des Exils" (Musik: Hanns Eisler, Text: Bert Brecht)
"Olga watches the children´s sleep" (Musik: Richard Stöhr), es spielt der Komponist
"Ein neuer Frühling" (Musik und Text: Erwin Weiss)

Teil 2 am 13. März 2018: Die Einverleibung. Von der Übernahme der Institutionen.
Musikstücke:
"Eugen Onegin" (Musik: Peter Iljitsch Tschaikowski)
"Die schweigsame Frau" (Musik: Richard Strauss, Text: Stefan Zweig)
"Hab ein blaues Himmelbett" aus der Operette "Frasquita" (Musik: Franz Lehár, Text: Heinz Reichert), es singt Richard Tauber

Teil 3 am 14. März 2018: Die Opferumkehr. Über selektives Erinnern und das Eingestehen von Verantwortung.
Musikstücke:
"Foggy Day" (Musik: George Gershwin)
"Lieder ohne Worte" (Musik: Felix Mendelssohn Bartoldy)
"Tiger Rag" Aufnahme aus der Steffl-Diele, Mytteis, Landl & Co.
"You´re drivin me crazy", es spielen Charlie & his orchestra
"Wir werden das Kind schon richtig schaukeln" (Musik und Text: Franz Grothe und Willy Dehmel)

Teil 4 am 15. März 2018: Niemals vergessen. Das Postulat der Märztage 1938.
Musikstücke:
"Standschützenmarsch" (Musik: Sepp Tanzer)
"Roter Wedding" (Musik: Hanns Eisler)
"Wach auf, wach auf, du deutsches Land" (Musik: Johann Walter)
"Kampf am Berg Isel" aus der Suite "Tirol 1809" (Musik: Sepp Tanzer)

(Der Zeitungsausschnitt stammt aus dem Programmheft "Radio Wien" vom 18. März 1938, aus dem Online-Archiv der Nationalbibliothek Anno.)

Dienstag, 6. März 2018

Leon Zelman Preis 2018.

Meine Arbeit in Sachen Erinnerung und Aufarbeitung wird von der Stadt Wien und dem Jewish Welcome Service honoriert, das freut mich sehr! Ich bekomme den Leon Zelmann Preis 2018 verliehen!!

Montag, 5. März 2018

Und plötzlich sind wir wieder mittendrin.

Ein Investor unterstützt unsere nächste Doku, wir haben die Finanzierung beisammen! Auch diese Geschichte beginnt im Wien der 1930er Jahre, es geht um Exil in Palästina im 2. WK. Jetzt muss alles schnell gehen: Drehvorbereitung, Flüge buchen, InterviewpartnerInnen checken. Spannend!

Freitag, 2. März 2018

Fast ganz normal.

Nicht nur in Österreich werden heuer etliche Jahrestage begangen, auch Israel feiert im Mai 70 Jahre Staatsgründung. Am 14. Mai 1948 rief David Ben-Gurion den Staat Israel aus. Seither hat sich das Land rasant entwickelt, allerdings nicht konfliktfrei: Stichworte Nahost-Konflikt, besetzte Gebiete, Siedlungsbau. Einer, der Israel gut kennt und es den Ö1-Hörerinnen und Hörern Woche für Woche in den Journalen und Nachrichtensendungen zu erklären versucht, ist ORF-Korrespondent Ben Segenreich. Gemeinsam mit seiner Frau, der Journalistin Daniela Segenreich, hat er nun ein Buch geschrieben. Ein Buch über sein berufliches und familiäres Leben in Israel.

"Aber nur fast" heißt ein Lied des Kabarettisten Gerhard Bronner, der 1938 als 15-Jähriger auf abenteuerlichen und vor allem illegalen Wegen vor den Nationalsozialisten aus Wien nach Palästina flüchtete. Das Lied hat Daniela und Ben Segenreich zum Buchtitel inspiriert. Denn Israel zu verstehen, ist tatsächlich nicht ganz leicht, schreibt Ben Segenreich im Vorwort.
Zitat: Erstens: Da Israel so klein ist, sollte es überschaubar und vielleicht sogar durchschaubar sein, tatsächlich ist es aber sehr kompliziert und eigentlich unerklärbar. Zweitens: Trotz all dieser Komplikationen und entgegen herkömmlichen Vorstellungen gibt es in Israel einfach einen banalen Alltag.

Und so erzählen die beiden von ihrem Alltag, damals in den 1980er Jahren, als sie in dieses Land kamen, er 1983, sie fünf Jahre später. Von der Eingewöhnung und ersten beruflichen Erfolgen. Vom eigenen Haus, das 1990 gekauft wurde und von den irakischen Raketenangriffen im Jänner und Februar 1991.
Zitat: Am nächsten Tag stand ich im Supermarkt mit den übrigen Kunden Schlange, um unsere Vorräte aufzustocken und frisches Brot zu kaufen. Wir waren alle etwas unausgeschlafen und warteten mit den um die Schultern gehängten Kartonschachteln, in denen die Gasmasken lagen. Sie sollten für die nächsten Wochen unsere ständigen Begleiter sein.
Das Buch ist eine lose Zusammenstellung von Artikeln der beiden Journalisten aus den vergangenen Jahrzehnten, eine zeitliche Abfolge gibt es nicht, sie ist auch nicht notwendig, greifen die Themen doch immer wieder ineinander. Politisches ist da zu lesen, aber auch Gesellschaftskritisches, Zeithistorisches und eben Alltägliches. Ben Segenreich etwa sammelt deutsche Wörter, die ins Hebräische eingeflossen sind.
Zitat: Wenn ein Israeli von meinem Getränk oder meinem Sandwich kosten will, dann bettelt er um einen Schluck oder einen Biss. Wirklich hungrig ist er dabei nicht, er will nur lenaschnesch, was nichts anderes ist als ein in hebräische Grammatik eingekleidetes "naschen" und auch genau dieses bedeutet. Ich wiederum bin natürlich kein Bock (also nicht starrsinnig) und mefagenn (klingt wie "vergönne" und kommt tatsächlich davon) ihm das gerne. Schnitzel und Strudel haben ohnehin globale Verbreitung, in Israel wurde man aber zumindest bis vor ein paar Jahren auch verstanden, wenn man zu Letzterem Schlagsahne bestellte und in vielen Konditoreien bekommt man eine Cremschnitt.
Auswandern sei ein bisschen wie die Liebe, es sei romantisch, schmerze ab und zu und gehe durch den Magen, schreibt Ben Segenreich.

Sehr persönliche und nachdenkliche Einblicke in das Familienleben gewährt Daniela Segenreich. Etwa, wenn sie von ihren beiden Töchtern erzählt, die - wie alle israelischen Jugendlichen - in der Armee gedient haben. Die Shoah ist in Israel stets präsent. Die Aufarbeitung beginnt bereits im Kindergarten. Und kurz vor dem Schulabschluss reisen auch die Segenreich-Töchter nach Auschwitz und besuchen weitere ehemalige Lager.
Zitat: Ich war stolz, dass meine Kinder an dieser Reise teilnahmen, doch als meine jüngere Tochter nach ihrer Rückkehr wochenlang von Albträumen über Lager, Selektionen und die Hinrichtung unserer Familie geplagt wurde, begann ich mich zu fragen, ob wir da alles richtig machen.

Daniela und Ben Segenreich leben - das spürt man beim Lesen - gern in Israel. Sie verteidigen das Land gegenüber bestehenden Vorurteilen, hinterfragen und kommentieren aktuelle und vergangene Ereignisse. Etwa die rasante Entwicklung Tel Avivs zu einer vibrierenden modernen Großstadt.
Zitat: Kein Wunder, dass der Hotspot am östlichen Mittelmeer diejenigen anzieht, die ständig auf der Suche nach Innovationsideen und Investitionsgelegenheiten sind. Der Raum von Tel Aviv wird als bestes Start-up-Ökosystem außerhalb der USA eingestuft, und an der US-Technologiebörse NASDAQ hat das winzige Israel nach den USA und China mehr Firmen gelistet als jedes andere Land.
Daniela und Ben Segenreich zeigen Israel als ein Land der Widersprüche und Gegensätze. Wirklich verstehen werden sie es aber wahrscheinlich auch - nur fast.

Info: Fast ganz normal - Unser Leben in Israel. Von Ben & Daniela Segenreich (Amalthea 2018)

Donnerstag, 1. März 2018

Nominierung für den Franz-Grabner-Preis.

Die Serie "Dokumente, die die Welt bewegen", bei der ich eine Folge lang ("Die Goldene Bulle") Regie geführt habe, ist für den Franz-Grabner-Preis nominiert.

Coole Sache!

Dienstag, 27. Februar 2018

Zeitgeschichte Spezial im März.

Der ORF berichtet in diesem März auf all seinen Kanälen über das Jahr 1938, den sogenannten Anschluss, die Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Auch meine Doku Züge ins Leben wird gezeigt, am 25. März 2018 um 22.40 Uhr.
Screenshot ORF.at

Sonntag, 25. Februar 2018

"Glück, das mir verblieb"

Im März Heft der Ö1 Programmzeitschrift ist auch ein Artikel von mir. Es geht um die Tage von 12. bis 15. März 1938, ich beschäftige mich in den Musikbeiträgen mit den Themen "Exil", "Takeover der Institutionen", "Entartete Musik" und "NS-Codes in der Volksmusik". Hier auf der linken Seite unter dem Titel "Glück, das mir verblieb" ein kleiner Vorgeschmack.

Mittwoch, 21. Februar 2018

Ein Wiener Exilant kehrt zurück.

Die bewegende Geschichte des Kurt Klagsbrunn. Eine Sendung der Ö1-Reihe Dimensionen am Donnerstag, 22.2.2018, um 19.05 Uhr.

Ich habe für die Ö1-Seite einen ausführlichen Text geschrieben, dort gibt es auch ein paar Bilder aus dem Nachlass, der jetzt im Jüdischen Museum Wien lagert. Die Sendung kann dann sieben Tage nachgehört werden. Die Ausstellung über die Wiener Jahre und die Flucht ins brasilianische Exil der Familie Klagsbrunn ist ab 5. Dezember im Jüdischen Museum zu sehen.
Meine Forschungsreise nach Rio de Janeiro und Araras im Mai 2017.
Kontakabzüge, Turner an der Copacabana. Fotograf: Kurt Klagsbrunn (Copyright: Victor Klagsbrunn)
Speisekarte vom 12. März 1939 von der Überfahrt Lissabon - Rio de Janeiro
(Copyright: Sammlung JMW/Schenkung Familie Klagsbrunn)
Victor Klagsbrunn, Kurt Klagsbrunns Neffe, im Stefan Zweig Museum in Petrópolis, Brasilien.
Bäuerliche Szene, Niederösterreich 1930er Jahre. Fotograf: Kurt Klagsbrunn
(Copyright: Sammlung JMW/Schenkung Familie Klagsbrunn)
Eintrittskarte zur Anatomie-Vorlesung, Kurt Klagsbrunn
(Copyright: Sammlung JMW/Schenkung Familie Klagsbrunn)
Buchtipps:
Erich Hackl: Drei tränenlose Geschichten, Diogenes 2015
Ursula Seeber und Barbara Weidle (Hrg.): Kurt Klagsbrunn. Fotograf im Land der Zukunft, Weidle Verlag 2013

Montag, 22. Januar 2018

Stille Helden in St. Valentin.

Ankündigung der Pfarre St. Valentin:

Freitag, 12. Januar 2018

Zerbrochene Länder.

Seit die USA im Jahr 2003 im Irak einmarschiert sind, hat sich die Geschichte der arabischen Länder im Nahen Oster geradezu überschlagen. Weckte der Arabische Frühling Hoffnungen auf Stabilisierung und Frieden, so weisen die Fluchtbewegungen seit dem Jahr 2015 in eine ganz andere Richtung. Der US-amerikanische Schriftsteller und Kriegsberichterstatter Scott Anderson gilt als Kenner der Region. Und anders als sein 2013 erschienenes Buch Lawrence in Arabia, das heute bereits als Klassiker der biografischen Literatur gilt, ist sein jüngstes Werk auch auf Deutsch erschienen: Zerbrochene Länder – Wie die arabische Welt aus den Fugen geriet.

Scott Anderson kennt den Nahen Osten wie seine Westentasche, hat die arabischen Länder dutzende Male bereist und besitzt die Fähigkeit, Menschen einfach nur zu beobachten und ihnen zuzuhören. Der Autor erzählt die jüngste Geschichte des Nahen Ostens anhand von sechs Protagonisten, von zwei Frauen und vier Männern aus Ägypten, Libyen, Syrien und dem Irak.
Zitat: Sie teilen mit Millionen anderer Menschen im Nahen Osten das Schicksal, in einer aus den Fugen geratenen Welt zu leben. Die Umbrüche und Unruhen, die 2003 mit dem Einmarsch der US-amerikanischen Truppen in den Irak begannen und letztlich in Aufständen und Revolutionen mündeten, die im Westen als „Arabischer Frühling“ bekannt geworden sind, haben ihr Leben für immer aus den Angeln gehoben.

Der Autor begleitet einen jungen Iraker, der sich vorübergehend dem IS anschließt, genauso wie die Witwe eines prominenten ägyptischen Menschenrechtsanwalts, deren Sohn innerhalb kurzer Zeit von drei Regimes inhaftiert wird, oder auch einen Syrer, den seine Flucht von Homs über das Mittelmeer bis nach Dresden führt. Eine Frau aus dem Irak hat es ihm besonders angetan, schreibt er im Epilog des Buches.
Zitat: Worin ich Trost gefunden habe, ist die außergewöhnliche Kraft Einzelner, Veränderungen herbeizuführen, und niemand verkörpert diese Kraft mehr als Khulood al-Zaidi. Dank ihrer Willenskraft ist Khulood […] zu einer ebenso unwahrscheinlichen wie bemerkenswerten Anführerin geworden. […] Doch es sind gerade diese Menschen – die Besten ihrer Nationen -, die ihre Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen. Was für Österreich eine Bereicherung ist, ist für den Irak ein Verlust.
Die Irakerin lebt seit Ende 2015 mit ihrer Schwester bei einer Familie in Kärnten.

Doch zurück an den Anfang des Buches, das übrigens aus einer Reportage entstanden ist, die am 14. August 2016 als einziger Beitrag im New York Times Magazine erschienen ist. Zwei Jahre lang hatte der Autor recherchiert, um die Krise im arabischen Raum zu verstehen, hat Menschen kennengelernt, die exemplarisch für die Ereignisse in diesen Ländern stehen.
Zitat: Bevor wir mit dem Auto in den Nordirak fahren, tauscht Dr. Azar Mirkhan seine westliche Kleidung gegen die traditionelle Kluft kurdischer Peschmerga: Er streift eine enganliegende kurze Wollweste über sein Hemd, schlüpft in bauschige Pluderhosen und legt einen breiten Kummerbund an. Dann kommen die speziellen Accessoires der kurdischen Streitkräfte: ein Kampfmesser, das er ordentlich an seinem Kummerbund befestigt, eine geladene Pistole, Kaliber .45, und ein Feldstecher für Scharfschützen. […] Der Arzt zuckt mit den Schultern: “Ist eine unsichere Gegend.“

In fünf Teilen arbeitet sich der Autor durch die Geschichte des Nahen Ostens, beginnt im Kapitel Ursprünge im Jahr 1972 mit einem historischen Überblick, und erzählt dann - immer aus der Sicht derer, die dort leben, kämpfen, sich verstecken oder von dort fliehen – vom Irakkrieg, vom Arabischen Frühling, vom Aufstieg des IS. Und endet schließlich mit dem Kapitel Exodus, das die Jahre 2015 und 2016 abbildet. Ganz nach dem Motto „Ein Fremder ist nicht mehr fremd, sobald man ihn kennt“, taucht der Leser ein in eine Welt voller Zweifel und Mut und Trauer und Zuversicht. Man scheint die Gewalt und den Zynismus beinahe am eigenen Körper zu spüren, nimmt Anteil am Leben der sechs porträtierten Menschen. Doch nicht nur die Erlebnisse der Protagonisten ziehen die Leserin, den Leser in ihren Bann, auch die eindringlichen Schwarz-Weiß-Fotografien des Magnum-Fotografen Paolo Pellegrin. Düster und pessimistisch – das ist der Eindruck, den man in diesem Buch von der arabischen Welt bekommt. Viel Grund zur Hoffnung sieht der Autor Scott Anderson nicht.
Zitat: In philosophischer Hinsicht hat mich meine Reise durch den Nahen Osten abermals daran erinnert, wie dünn der Firnis der Zivilisation tatsächlich ist, wie wachsam er verteidigt werden muss und wie langsam und schwer die Reparatur vonstattengeht, sobald er erst einmal Risse zeigt. Das ist bei weitem kein neuer Gedanke, denn diese Lektionen hätten wir eigentlich schon aus den Erfahrungen mit Nazideutschland und den Ereignissen in Bosnien oder Ruanda lernen sollen. Vielleicht aber müssen wir diese Lektionen immer wieder von Neuem lernen.

Scott Anderson erzählt die Geschichten von sechs sehr verschiedenen Menschen. Und die Geschichte einer Region, die – so der Autor – langsam aus den Fugen gerät. Es ist eine großartige Erzählung, eine journalistische Analyse vom Feinsten, eine Empfehlung.

Info: Scott Anderson: Zerbrochene Länder – Wie die arabische Welt aus den Fugen geriet (aus dem Italienischen von Laura Su Bischoff, Suhrkamp 2017)