Samstag, 26. Januar 2019

E². ErfinderInnen im Bild.

Für die Linzer EDU-Group habe ich Regie bei einer sechsteiligen Serie zum Thema "Erfinden und Entdecken" geführt. Die DVD inklusive spannendem Zusatzmaterial wird für alle NMS-LehrerInnen bald käuflich zu erwerben sein. Ein paar Filmstills gibt es bereits jetzt auf meiner Homepage.

Freitag, 25. Januar 2019

Überleben.

Am 27. Jänner ist der Internationale Gedenktag für die Opfer des Holocaust. An diesem Tag im Jahr 1945 ist das Vernichtungslager Auschwitz durch die Rote Armee befreit worden. Für viele war Auschwitz die letzte Station nach einer langen Reihe von anderen Lagern. In Auschwitz starben zwischen einer und eineinhalb Millionen Menschen. Nur wenige haben überlebt. Einer von ihnen ist Walter Fantl, geboren 1924, und einer der letzten lebenden Zeitzeugen. Seine berührende Lebensgeschichte erzählt der Literaturwissenschaftler und Historiker Gerhard Zeillinger im Buch Überleben. Der Gürtel des Walter Fantl.

Walter Fantl wächst wohlbehütet im niederösterreichischen Bischofstetten, wenige Kilometer südwestlich von St. Pölten, auf. Die Eltern betreiben eine Gemischtwarenhandlung, sind im Ort angesehene Leute. In den ersten Kapiteln finden sich einige Fotografien der Familie Fantl: Die Eltern vor dem Geschäft, Walter in einem Spielauto, Gertrude mit ihrer Puppe. Walter und seine Schwester Gertrude unterscheiden sich nicht von den anderen Kindern.

Zitat: Auf einem Foto aus der Schulzeit sieht man Walter mit anderen Kindern und Jugendlichen beim katholischen Erntedankfest. Die Mädchen haben weiße Schürzen umgebunden und Kränze ins Haar geflochten. Walter trägt Lederhose. Mit seinen Schulfreunden spielt er im Wald Indianer oder Räuber und Gendarm.

Das alles ändert sich mit dem Einmarsch deutscher Truppen im März 1938. Denn die Familie ist die einzige jüdische im Ort. Ganz langsam, schleichend und fast unbemerkt, beginnt die Ausgrenzung.

Zitat: Erst nach und nach begreift Walter, was sich alles verändert hat. In den ersten Tagen muss er nicht zur Schule, im ganzen Land fällt der Unterricht aus. Als er dann wieder nach St. Pölten fährt, hat er ein mulmiges Gefühl. Im Zug spricht niemand mehr mit ihm und in der Klasse bleiben die wenigen jüdischen Schüler unter sich.

Die Familie wehrt sich lange gegen die Enteignung, hat aber schlussendlich keine Chance. Kaum etwas bleibt den Fantls, als sie schließlich nach Wien umziehen. Walter wird Lehrbub bei einem Schlosser, arbeitet unter der schützenden Hand der Israelitischen Kultusgemeinde. Eine in der Rückschau seltsam unbekümmerte Zeit. Im Jahr 1942 wird die Familie jedoch nach Theresienstadt deportiert. Sammelpunkt ist der Aspangbahnhof im dritten Wiener Gemeindebezirk.

Zitat: Als Walter dort ankommt, drängen sich auf dem Bahnsteig die Menschen mit ihren Koffern, Rucksäcken, viele tragen eine Bettrolle unterm Arm. In den Papieren wird später vermerkt: „Abgemeldet nach Theresienstadt“, als wären die Juden verreist oder bloß woanders hingezogen.

Zwei Jahre lebt Walter Fantl in Theresienstadt. In jenem von den Nationalsozialisten zur „Jüdischen Musterstadt“ verklärten Ghetto, in dem die schnurgeraden Straßen zunächst nur durchnummeriert sind. Die Eltern wohnen in der 7. Querstraße, Hausnummer 17.

Zitat: Ein Jahr später, wenn in Theresienstadt Straßennamen eingeführt werden, wird die Adresse Berggasse 17 lauten, und Walter wohnt von da an in der Bahnhofstraße 18. Das soll Normalität vortäuschen, aber in Theresienstadt ist nichts normal.

Immer wieder gehen Transporte von Theresienstadt in den Osten. Auschwitz wird bald zum Synonym der Angst. Auch Walter und sein Vater stehen schließlich im Herbst 1944 auf einer der Listen. Noch an der Rampe in Auschwitz werden sie getrennt. Der Vater wird kurz darauf in der Gaskammer ermordet. Walter ist jung und stark. Er meldet sich zum Arbeitsdienst, kommt ins Nebenlager Gleiwitz, das „Krepierlager“, wie es die Häftlinge nennen. Was sich dort abspielt, ist schwer zu ertragen. Wer glaubt, schon alles über den Holocaust gelesen zu haben, schon alles zu wissen über die sadistischen Aufseher und Lagerverwalter, über die grauenvollen Zustände in den Baracken, wird hier eines Besseren belehrt. Die Brutalität wird zur Normalität, der Mensch stumpft ab. Er vegetiert dahin, Überleben ist reiner Zufall.

Zitat: Bereits zum fünften Mal, seit er in Gleiwitz ist, muss er ein zusätzliches Loch in seinen Gürtel stanzen, um die Häftlingshose nicht zu verlieren.

Dieser Gürtel ist nach dem Krieg das Einzige, das Walter Fantl von seinem früheren Leben geblieben ist. Doch er hat überlebt. Seine Eltern und seine Schwester nicht. In diesem düsteren Bericht, in dem Autor Gerhard Zeillinger penibel und detailreich beschreibt, wie Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung von statten gingen, hören wir immer wieder Walter Fantl selbst sprechen. Im Text sind die, zahlreichen Interviews und Gesprächen des Autors mit Fantl entnommenen Passagen kursiv gedruckt. Es sind sehr persönliche, intime Momente, im Gegensatz zum schlicht, aber dennoch knallhart formulierten Erzähltext. Es sind schmerzhafte Einblicke in ein unfassbares Leben, die der Autor Gerhard Zeillinger hier dennoch in Worte fasst. Nüchtern erzählt, behutsam und an manchen Stellen so leise, dass es einem noch lange in den Ohren dröhnt.


Gerhard Zeillinger Überleben. Der Gürtel des Walter Fantl (Verlag Kremayr & Scheriau 2018)

Mittwoch, 23. Januar 2019

Louise Fleck wissenschaftlich gesehen.

Im neuen Ö1-Magazin gehört dieser Artikel gelesen. Und am 20. Februar gehört die Dimensionen-Sendung gehört.

Freitag, 18. Januar 2019

Americanic.

Einer, der die Situation in den USA seit Jahren beobachtet, ist der Journalist und Historiker Thomas Frank. Er analysiert Veränderungen in der amerikanischen Gesellschaft genauso wie die jüngsten Entwicklungen in der US-Politik. Der deutsche Verlag Antje Kunstmann hat nun einige seiner Artikel, die zwischen 2008 und 2018 in Zeitschriften wie Harper´s, Wall Streeet Journal oder dem von Frank mitgegründeten Baffler erschienen sind, in einem spannenden Band zusammengefasst, der kommende Woche erscheinen wird. Der Titel: Americanic – Berichte aus einer sinkenden Gesellschaft.

Thomas Frank kennt sein Land. Er kennt die schmutzigen Vorgänge rund um Wahlen, er kennt die Schreibstuben des Landes mit ihren Gepflogenheiten, er kennt Popkultur und Wirtschaft. In seinen Bestsellern und Kommentaren legt er den Finger in frische Wunden und rührt darin auch noch genussvoll um. Er analysiert den Enron-Skandal genauso wie Fernsehserien wie Mad Man und House of Cards. Lieblingsfigur des Autors ist aber eindeutig der amtierende US-Präsident Donald Trump, dessen Werdegang er genauestens und recht spöttisch beobachtet.

Zitat: Der Mann ist ein schriller Provokateur und politischer Clown, er scheint es geradezu darauf anzulegen, systematisch sämtliche ethnischen Minderheiten der amerikanischen Gesellschaft gegen sich aufzubringen. […] Dafür ist diesem protzigen Schreihals der frenetische Applaus führender Rassisten aller Schattierungen sicher, die bei der Aussicht, einen waschechten, ressentimentgeladenen Ignoranten ins Weiße Haus zu bekommen, vor Aufregung ganz aus dem Häuschen geraten.

Frank nennt Trump einen Scharlatan, einen Schurken mit einer absurden Frisur, einen lächerlichen Kerl, einen Hanswurst, der Schande über sein Amt bringt, ausländische Regierungen brüskiert und keinen blassen Schimmer davon hat, wie man regiert. Doch hat Trump vielleicht auch sein Gutes? Schließlich haben ihn doch Millionen Menschen gewählt. Des Autors Schlussfolgerung ist eindeutig.

Zitat: Machen wir uns nichts vor. Wir werden gar nichts gewinnen. Was sich am Wahltag ereignete, ist eine Katastrophe, sowohl für die Liberalen in den USA wie für die Welt.

In Thomas Franks Texten geht es um Ausbeutung und Korruption genauso wie um Heuchelei und Populismus. Es ist ein düsteres Bild, das er zeichnet. Etwa, wenn es um den Niedergang der Demokraten geht. Was ist schiefgegangen, fragt Thomas Frank. Und gibt sich gleich selbst die Antwort: So ziemlich alles. Das zeigte sich auch in der Kür von Hillary Clinton zur Präsidentschaftskandidatin.

Zitat: Sie zur Kandidatin zu küren bedeutete entweder, dass die Demokraten es nicht ernst meinten, wenn sie Trump als Gefahr darstellten, oder dass ihnen ihr Opportunismus über das Wohlergehen des Landes ging, vielleicht auch beides.

Die bürgerliche Demokratie zerfällt, die Menschen geraten zusehends in prekäre Arbeitsverhältnisse, Rassismus, Populismus und Nationalismus werden salonfähig. Und Thomas Frank blickt besorgt nach Europa, wo ähnliche Tendenzen zu beobachten sind. Der Brexit etwa, der einige wenige Gewinner und ganz viele Verlierer hervorbringen wird. Frank besucht für seine Reportagen viele kleinere Städte und Ortschaften in Großbritannien, wie Grimsby oder Wakefield.

Zitat: Die Menschen werden über diese von Zechen vernarbte Landschaft von Yorkshire schauen, die Denkmäler des ersten Weltkriegs, die Reihen verfallener Reihenhäuser, und feststellen, dass sich die Leute, die sie aus weiter Ferne regieren, keinen Deut um sie scheren.

Spannend und erhellend sind auch die Artikel zum Verhältnis Trumps zur US-amerikanischen Presse. Die, so formuliert es der Autor, gerade eine schlimme Zeit erlebt und zugleich eine ihrer besten. Thomas Frank schreibt über die Rolle der Medien im Wahlkampf, den Umgang mit Fake News, den Versuch, die tagtäglichen Aussagen des Präsidenten für die jeweilige Leserschaft aufzuarbeiten.

Zitat: Dank Facebook und Twitter lesen wir heutzutage nur noch, was unsere vorgefasste Meinung bestätigt. Es gab einmal eine Zeit, da konnte ein Blatt wie die Washington Post unter Umständen auch im Alleingang einen Präsidenten zu Fall bringen, aber das ist lange, lange her.

Es ist Franks scharfer Blick fürs Detail, sein brennendes Interesse am Fortbestand der Menschheit, sein Sarkasmus und sein Witz, die uns davon abhalten, das Buch an der einen oder anderen Stelle deprimiert zuzuklappen und stattdessen einen rosaroten Rosamunde-Pilcher-Roman zur Hand zu nehmen. In einem Artikel vom Juli 2018 kündigt Frank an, eine Auszeit zu nehmen und stellt Vermutungen an, wie es in der amerikanischen Politik weitergehen wird. Einer seiner Wünsche hat sich bereits erfüllt, die Demokraten haben im US-Repräsentantenhaus wieder die Mehrheit. Vielleicht der Anfang vom Ende Donald Trumps und ein Hoffnungsschimmer für die US-Gesellschaft. Und nicht nur für die.


Info: Thomas Frank Americanic – Berichte aus einer sinkenden Gesellschaft (Übersetzt von Gabriele Gockel und Thomas Wollermann, Verlag Antje Kunstmann 2019)

Dienstag, 15. Januar 2019

Immer im letzten Moment.

Seit drei Jahren erforsche ich die Geschichte von Louise Fleck. Am 20. Feber soll das Buch erscheinen. Vor drei Tagen bekomme ich den Anruf, dass es doch Dokumente gibt! Stress, schnell nochmal alles kontrollieren, das Manuskript ist ja schon bei der Lektorin. Puh, ist sich nochmal alles ausgegangen!