Freitag, 3. Mai 2019

Vom Sog der Massen.

Wir leben in einer Welt gleichgeschalteter Individuen. Ist Ihnen das eine zu krasse Aussage? Doch schauen Sie einmal genauer hin: Jeder und jede stellt sich selbst in den Mittelpunkt, Selfie hier, Selfie dort – doch all diese Bilder gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Massentourismus, Massenmedien, Massenbewegung – passen diese Begriffe noch in die heutige Zeit? Und was bedeuten sie wirklich? Die beiden deutschen Philosophen Gunter Gebauer und Sven Rücker haben sich auf eine semantische Reise gemacht und den Begriff der Masse von vielen Seiten analysiert und neu interpretiert. Herausgekommen ist das Buch Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen.

Eine Masse. Was ist das überhaupt? Ist damit nur eine Ansammlung von Menschen gemeint? Und wie viele Menschen braucht es, um von einer Masse zu sprechen? Es gilt also zunächst nachzuforschen, wann und wie und warum Massen überhaupt entstehen.

Zitat: Sie entstehen dann, wenn viele Menschen an einem (wirklichen oder virtuellen) Ort zusammenkommen und ein gemeinsames Ziel ihres Handelns verfolgen, das sie hier und jetzt erreichen wollen. Aus dieser Situation des gerichteten Miteinanders entsteht eine Übereinstimmung von Aktion, Haltung, Stimmung und Spontaneität.

Ist der Begriff einmal definiert, geht es in den weiteren Kapiteln um die verschiedenen Ausformungen von Massen, um ihre Ausprägungen etwa in Berlin und Paris in den späten 1960er Jahren oder in der DDR vor dem Mauerfall. Es geht um die Funktionsweise von Massen, um die sozialen Medien und das Internet. Eine Masse muss nicht zwangsläufig sofort für jedermann erkennbar sein, etwa als kirchlicher oder sportlicher Großevent, als Protestbewegung oder Demonstrationszug. Das Geschehen spielt sich oft in Foren oder auf Kommentarseiten ab. Vielfach anonymisiert. Dort trifft man auf Gleichgesinnte und kann seinem Unmut freien Lauf lassen. Hier wie dort gilt jedoch: es macht einen großen Unterschied, ob man drinnen ist in der Masse oder draußen.

Zitat: In der Wahrnehmung eines Individuums, das zur Masse gehört, nimmt mit dem Anwachsen der Masse das Gefühl der Macht zu. In der Sicht von außen provoziert die Bewegung des Anschwellens eher Gefühle der Beklemmung oder geradezu der Angst.

Nie war unsere Welt so voller Möglichkeiten, um sich zu entfalten. Nie standen uns so viele Wege offen, um schließlich den eigenen zu wählen. Wir brüsten uns damit, anders zu sein als die Anderen. Die Autoren Gunter Gebauer und Sven Rücker nennen diese Generation die der „Kulturellen Massen“.

Zitat: Ihre Mitglieder sind weit davon entfernt, sich für Teile einer Masse zu halten – sie sind Einzelne, die massenhaft auftreten, bei Kulturereignissen mit Kultcharakter, Kunstevents, Konzertsensationen, in weltbekannten Museen und an hoch bewerteten Tourismuszielen. Sie alle streben nach kultureller Beteiligung, alle mit der gleichen Absicht, alle informiert durch dieselben Massenmedien.

Und so stellen die individuellen Galeriebesucher schließlich ihre einzigartigen Instagramfotos auf die Plattform, wo tausende andere Individualisten ihrer unkonventionell konventionellen Extravaganz frönen. Doch – auch hier gilt wohl das Motto: Dabei sein ist alles.

Zitat: Sie bewahren ihre intensiven Erfahrungen des Massengeschehens in ihrem späteren Leben – nicht nur als Erinnerung, sondern als Bestandteil ihres Ichs. Nichtteilnahme erscheint dann wie eine verpasste Chance. 

Die Sache mit der Masse ist ein komplexes Thema, in diesem Buch launig, verständlich und überaus interessant verpackt. Auch die Flüchtlingsbewegung, die Europa seit dem Herbst 2015 politisch und gesellschaftlich herausfordert und beschäftigt, lässt sich als Massenbewegung lesen. Die Autoren analysieren die Berichterstattung: In vielen Medien werden Flüchtlinge als Bedrohung dargestellt, die Europa überschwemmen und die heimische Kultur auslöschen würden.

Zitat: Gegen solche Zuschreibungen können sich die Flüchtlinge nicht wehren. Als Masse sind sie, trotz aller Reden, die sie entfachen, stumm. Die Masse selbst bildet kein Narrativ. Die Geschichte ihrer Tragödien und Katastrophen kann nur von Einzelnen erzählt werden. Das Massenelend zeigt sich am Einzelschicksal; es muss ein Gesicht bekommen.

Wenn man über Massenphänomene nachdenkt, muss man sich zwangsläufig mit Populismus beschäftigen. Das „Wir“ steht über dem „Die“, von höchster Stelle wird an das Volk getwittert, das Volk fühlt sich verstanden und applaudiert dem Twitterkönig.

Zitat: Die Populisten eint ein tiefes Misstrauen gegen jede Form der Vermittlung. Das betrifft die Feindschaft gegen die Medien (Stichwort „Lügenpresse“) ebenso wie die Ablehnung von Vermittlung als Versöhnung, Aushandlungsprozess und Kompromiss. Es gibt nur das Entweder-Oder.

Wer sich nach oder - noch besser – während der Lektüre die Zeit nimmt und alle in der Filmografie angeführten Filme ansieht, die in mehreren Kapiteln immer wieder zitiert werden – darunter Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“, Alfred Hitchcocks „Die Vögel“, Fritz Langs „Metropolis“ und Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“ – der bekommt wohl ein noch vollständigeres Bild davon, was Massen sind, woher sie kommen und was sie alles bewegen können.

Info:
Gunter Gebauer, Sven Rücker: Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen (Deutsche Verlags-Anstalt, 2019)