Montag, 16. Dezember 2019

Auf Arthur Gottleins Spuren.

Meine Recherchen - durch ein Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften finanziert - zu Arthur Gottlein, einem österreichischen, jüdischen Filmschaffenden, haben begonnen. Erste Anlaufstelle war natürlich das Filmarchiv Austria, dort liegt ein reicher Nachlass.
Fotografien, Dokumente, Texte, Kalender - es ist mehr, als ich mir erwartet habe. Besonders hübsch: Ich habe ein Namenstagsgedicht entdeckt, das Gottlein für Louise Fleck geschrieben hat. Die Übersetzung aus Kurrent hat ergeben, dass Gottlein mit dem Ehepaar Fleck gut bekannt, wenn auch nicht eng befreundet war - man siezte sich. Das Gedicht wurde außerdem im Exil in Shanghai geschrieben, das erfährt man aus dem Inhalt.

Montag, 9. Dezember 2019

Gemeinschaftsfremd und arbeitsscheu.

"Asoziale" Frauen im Nationalsozialismus. Ö1-Dimensionen, 9.12.2019

Zitat: In der Arbeit nett und sauber, moralisch und seelisch verkommen.
Sie hießen Anna, Sophie, Elfriede oder Ruth. Meist waren sie unehelich geboren, hatten eine schwierige Kindheit hinter sich, stammten aus ärmlichen Verhältnissen, verlebten Jahre in Erziehungsanstalten. Später kamen sie mit ihrem Leben nicht zurecht.
Zitat: Bei der Untersuchten handelt es sich um eine grenzdebile, asoziale, arbeitsscheue, lesbische Psychopatin, der die Einsicht für ihr asoziales Verhalten vollkommen fehlt.
Diese Frauen entsprachen nicht der Norm. Jener Norm, die laut Nationalsozialismus einen gesunden Volkskörper garantierte. In Arbeitsanstalten sollten sie wieder zu brauchbaren Mitgliedern der Gesellschaft umerzogen werden, doch auf der Tagesordnung standen Demütigung und Strafen. Und die Einweisung in ein KZ als ständige Drohung. Die sogenannten Asozialen blieben auch nach dem Zweiten Weltkrieg stigmatisiert. Eine Anerkennung der Opfer erfolgte spät. 
Die Steinhofgründe in Wien sind heute ein friedlicher Ort. Alte Bäume, durch die der Wind rauscht, Eichhörnchen, die von Ast zu Ast springen, ordentlich sanierte Pavillons, zahlreiche Spaziergänger. Eine Lichtinstallation und ein Museum erinnern an die Opfer der Kindereuthanasie. Im nordöstlichen Teil des Areals befindet sich noch ein Gebäude, der Pavillon 23, hinter dessen Mauern sich Schlimmes abgespielt hat. Bedrohlich und düster sieht es noch heute aus. Ein gewisser Dr. Thaller, der die Arbeitsanstalt für Asoziale Frauen und Mädchen am Steinhof in den Jahren 1943 bis 1945 geleitet hat, beschreibt den Pavillon folgendermaßen:
Zitat: Seinem ursprünglichen Zwecke entsprechend ist das Gebäude sehr solid ausgeführt. Im Parterre enthält es 10 Isolierzellen. [...] Außerdem befinden sich im Erdgeschoß zwei Tagräume […] mit niet- und nagelfester Einrichtung. […] Das ganze Bauwerk ist mit Eisengittern versichert und von 5 Höfen umgeben, deren glatte Mauern 4 ½ Meter hoch sind und deren Boden aus Asphalt besteht.
"Pavillon 23, Arbeitsanstalt am Steinhof, das waren – zumindest, wenn man den nationalsozialistischen Dokumenten in diesem Fall Glauben schenken möchte – abschreckende Begriffe, also es war schon eine berüchtigte Anstalt", sagt die Politikwissenschaftlerin Elke Rajal. Sie ist eine von drei Forscherinnen, die sich im Rahmen einer Studie mit dem Thema Asozialität in der NS-Zeit beschäftigt. Doch was bedeutet "asozial"? Die Begriffsbestimmung ist schwierig, denn - wie ein Zitat aus dem Jahr 1924 zeigt - wirklich klar war die Definition schon damals nicht.
Zitat: Wer gemäß den Anforderungen des Gemeinschaftslebens der Menschheit mitarbeitet, der ist sozial, wer nicht mitarbeitet, ist asozial, extra-sozial, antisozial.
"Bereits in dieser Definition wurden mehrere Begriffe parallel verwendet, also asozial, antisozial und sozial. Und in dieser Breite oder Unschärfe wurde er dann später in der NS-Zeit auch verwendet und hier gab es dann Zuschreibungen wie „gemeinschaftsfremd“, „gemeinschaftsunfähig“. Das wurde relativ gleichgesetzt, bzw. der eine Begriff mit dem anderen erklärt", sagt die Soziologin Brigitte Halbmayr.

Wie so vieles in der NS-Ideologie wurde auch der Begriff "asozial" mit den Jahren radikalisiert. Etwa im Rahmen des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das ab 1933 zunächst in Deutschland, ab dem sogenannten Anschluss im Jahr 1938 dann auch in Österreich zur Zwangssterilisierung Hunderttausender Menschen führte. Asoziales Verhalten wurde als erblich definiert, Stichwort Sippenhaftung. Wertvoll für die Gemeinschaft waren nur diejenigen, die den Mindestanforderungen an die Volksgemeinschaft genügten: "Diese Mindestanforderung an die Volksgemeinschaft war, genau nach deren Prinzipien zu leben. Und in diesem sehr breit gefassten und „anlagebedingten“ Schädigungen, die man den Menschen dann unterstellte, gab es dann sehr viele Zuschreibungen von Gesetzesbruch über arbeitsscheu bis hin zu Trinkern und unsittlichem Lebenswandel, sodass der Interpretationsspielraum sehr groß war und der Verfolgung – könnte man sagen – Tür und Tor geöffnet wurde, weil eben sehr viele unterschiedliche Verhaltensweisen und unterschiedliche Personen unter diese Begrifflichkeit fielen."

Was "asozial" alles sein konnte, fasste der Gauamtsleiter von Niederdonau, Anton Dyk, im Mai 1939 zusammen.
Zitat: Sittenwidriges, destruktives Verhalten, widerliche Charaktereigenschaften, Trunksucht, Rohheit, größtmögliche Unordnung im häuslichen Leben, Prostitution, [...] absolute Unfähigkeit, die verwahrlosten Kinder zu brauchbaren Menschen zu erziehen oder auch nur der Wille dazu.

Als asozial verfolgt wurden sowohl Männer als auch Frauen, wobei mit Kriegsverlauf und der zwangsläufigen Eingliederung von Frauen in den Arbeitsprozess diese auch stärker in den Fokus der Verfolgung gerieten. Ausgangspunkt der Studie zum Thema „Asoziale Frauen“ war das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Gemeinsam mit Brigitte Halbmayr erforscht die Soziologin Helga Amesberger seit Jahren die Lebenswege österreichischer Frauen in diesem Lager. Doch wer von ihnen wurde eingewiesen, weil sie als asozial galten? In den Unterlagen und Dokumente finden sich hier und da Hinweise: "Man sucht nach diesen diskriminierenden Worten zum einen, wie „arbeitsscheu“, „Arbeitssabotage“, „Arbeitsmoral“, „Sittlichkeit“, „Unsittlichkeit“. Wir haben auch immer sehr stark unsere bisherigen Forschungen zu den Frauen, die im KZ Ravensbrück inhaftiert waren, als Ausgangspunkt genommen. Das heißt, wir sind von den Namen ausgegangen und sind den Akten noch einmal genauer nachgegangen."
Prostituierte waren grundsätzlich verdächtig, wer eine Geschlechtskrankheit hatte, dem wurde automatisch ein unsittlicher Lebenswandel unterstellt, lesbische Beziehungen galten als zusätzliches Merkmal einer asozialen Gesinnung. Es brauchte nicht viel, um als asozial zu gelten, und es gab zahlreiche Behörden und Dienststellen, die diese Frauen aufgriffen und registrierten, sagt die Soziologin Brigitte Halbmayr: "Das beginnt beim Fürsorgeamt, beim Arbeitsamt, bei den Verwaltungsbehörden und natürlich bei den Polizeien, also der Gestapo und der Kriminalpolizei."
Bald ging es den Nationalsozialisten darum, diese Menschen in Lagern und Anstalten zu sammeln, sie wegzusperren und zu verwahren. Zu diesem Zweck etablierte sich um den Jahresbeginn 1941 die sogenannte Asozialenkommission. Hier wurde anhand der vorliegenden Dokumente über eine Einweisung in eine spezielle Anstalt entschieden: "Zu der Asozialenkommission ist zu sagen, dass das eigentlich eine österreichische Besonderheit war, also im Altreich hat es die gar nicht gegeben."

In einem Schreiben des Wiener Stadtrates für Gesundheitswesen und Volkspflege, Dr. Gundel, mit dem Vermerk „Vertraulich!“ vom November 1941 heißt es:
Zitat: Ich erwarte, dass durch die entsprechende Zusammenarbeit aller in Betracht kommenden Stellen ein weiterer Schritt auf diesem Gebiete im Interesse der Volksgemeinschaft getan wird, zur Verwirklichung des Wortes des Führers aus „Mein Kampf“: „Tiefstes soziales Verantwortlichkeitsgefühl zur Herstellung besserer Grundlagen der Entwicklung, gepaart mit brutaler Entschlossenheit in der Niederbrechung unverbesserlicher Auswüchslinge."

Auch wer Swing oder Jazz hörte, fiel in die Kategorie der unverbesserlichen Auswüchslinge. "Die Schlurfs waren eine oppositionelle Jugendkultur zur Zeit des Nationalsozialismus, Jugendliche vor allem aus den Großstädten, die sich auch mit ihrem Kleidungsstil abgehoben haben vom nationalsozialistischen Ideal der Jugend, und sie wurden entsprechend auch im Nationalsozialismus verfolgt", sagt die Politikwissenschaftlerin Elkje Rajal. "In unseren Akten ist uns eigentlich nur ein einziger Fall untergekommen von einem Mädchen, die explizit als Schlurf verfolgt wurde und dann auch in eine bayerische Anstalt, nach Bischofried, kam. Das ist der einzige Fall, wo es diese Überschneidung Schlurf und Vorwurf der Asozialität – wo wir den belegen können. Es ist davon auszugehen, dass es eine größere Fallzahl gibt." Zu Jazzmusik habe das Mädchen getanzt, angetan mit einem amerikanischen Sakko und einem Herrenhut. Frau Dr. Hell, die Franziska V. in Bischofsried begutachtete, entdeckte in ihren Schulheften außerdem Texte für Schlurflieder.
Zitat: Machts euch um uns doch keine Sorgen, denn wir Schlurfweiber sterben net aus. Steckens uns auch in a Anstalt, mir kumman ihnen trotzdem wieder aus. 
Verbotene Musikstücke wurden damals unter falschen Namen angekündigt, der St. Louis-Blues etwa als "Lied vom traurigen Ludwig". Man traf sich zum Tanzen in Lokalen wie der Steffl-Diele.
Zitat: Dort küsst der Schlurf dann die Schlurfin und sagt ins Ohr ihr allerhand Schlurferl. Was wird’s denn aus den beiden? Wenns nur nach uns ging, ein verliebtes Paar.
Mit diesem zersetzenden Schlurfgeist würde das Mädchen die Anstalt Bischofsried durchseuchen, schrieb Frau. Dr. Hell in ihr Gutachten und empfahl eine Unterbringung in einem Jugendschutzlager. Im Sommer 1944 wurde Franziska V. ins Jugend-KZ Uckermark überstellt. Über ihren weiteren Lebensweg ist nichts bekannt.

Die meisten sogenannten Asozialen wurden jedoch in Arbeitsanstalten untergebracht, weiß die Soziologin Brigitte Halbmayr: "Es gibt einen Arbeitsbericht aus Mitte 1944 und da wurde ganz genau aufgelistet, wie viele Personen wohin die gekommen sind, ob in eine Trinkeranstalt, in ein Arbeitserziehungslager, in ein Konzentrationslager oder eben in eine Arbeitsanstalt. Und für den Zeitraum Jänner 1941 bis August 1944 wurden – also nur von dieser Wiener Asozialenkommission – rund 1.200 Personen eingeliefert."

In der Studie untersucht wurden die Arbeitsanstalten in Klosterneuburg genauso wie in Gleink und Znaim. Und eben auch der berüchtigte Pavillon 23 am Steinhof in Wien. Eine Anstalt der Stufe 2, das heißt, dort wurden Frauen untergebracht, denen man keine oder nur sehr geringe Chancen auf Besserung zugestand. Einen Bescheid, warum die Einweisung erfolgte, bekamen sie erst, nachdem sie bereits einige Tage in der Anstalt waren. Den Forscherinnen ist kein Fall bekannt, in dem einer Berufung stattgegeben wurde. Der Aufenthalt begann meist mit Isolationshaft, der weitere Alltag war streng strukturiert, die Frauen mussten Zwangsarbeit verrichten. Stets begleitet von Drohungen und Strafen: "Also mich persönlich hat am meisten die Erkenntnis überrascht, dass viele Strafmaßnahmen, wie ich sie vorher nur aus der KZ-Forschung kannte, auch in Zwangsanstalten, die quasi den Konzentrationslagern vorgelagert waren, bereits gang und gäbe waren", sagt Brigitte Halbmayr. Welche Strafen die Frauen über sich ergehen lassen mussten, erzählt Elke Rajal: "Brechinjektionen mit Apomorphin, Festhalten in Isolationshaft für drei Tage oder teilweise auch länger bei schlechter Bekleidung, also in absoluter Kälte. Verschiedene sehr erschütternde Gewaltanwendungen, Folter würde man heute dazu sagen, mit der die Frauen für geringste Vergehen bestraft wurden, das konnte das Aufklauben von Fallobst während der Arbeit sein, das konnte zu geringe Arbeitsleistung sein, gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen oder Fluchtversuche, die es auch gab."

Etwas anders ging es in der Heil- und Fürsorgeanstalt Klosterneuburg zu, einer Anstalt der Stufe 1, hier gab es Chancen auf Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Geführt wurde die Anstalt von Ordensschwestern der Caritas Socialis: "Die Schwestern der Caritas Socialis haben Arbeitsberichte dokumentiert, da halten sie durchaus eine Kritik fest an der Sichtweise der nationalsozialistischen Behörden und sagen, diese würden in den Asozialen „völkisch wertlose“ Menschen sehen, während sie – die Schwestern – die unsterbliche Seele eines jeden dieser Geschöpfe sehen würden und damit helfen möchten." Im gleichen Bericht aus dem Jahr 1944 ist auch folgender Abschnitt zu lesen:
Zitat: Bei allem Versagen nach der Entlassung ist die Dankbarkeit und Anhänglichkeit der Mädchen groß. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht die eine oder andere auf Besuch erscheint, um sich wieder einmal ihre Sorgen vom Herzen zu reden.
Es gebe auch Briefe, in denen die Mädchen den Aufenthalt in der Anstalt als „schönste Zeit ihres Lebens“ beschrieben, heißt es weiter: "Wir beziehen uns hier auf Dokumente von den Ordensschwestern selbst, also auf den Archivbestand des Ordens, und wir haben keine Darstellungen der Frauen, die in dieser Anstalt festgehalten wurden. Also ob und inwiefern es hier zu Beschönigungen der Rolle im Nationalsozialismus in den eigenen schriftlichen Dokumentationen kam oder nicht, das wissen wir nicht."

Die Frauen standen – selbst wenn sie irgendwann entlassen wurden - weiterhin unter Beobachtung der Behörden: "Natürlich war sofort beim ersten Vergehen, ob das jetzt ein Strafdelikt war oder Verhalten am Arbeitsplatz, wieder eine Einweisung und oft dann auch eine schärfere Form der Bestrafung vorgesehen", sagt die Politikwissenschaftlerin Elke Rajal. Eine Entlassung war wohl die Ausnahme, und für einen Teil der Frauen führte der Leidensweg weiter in ein KZ. In der „Regelung des Einweisungsvorganges in die Arbeitsanstalten Klosterneuburg und Am Steinhof“ heißt es:
Zitat: Gelangen die Leitungen der Arbeitsanstalten zu der Ansicht, dass die weitere Anhaltung in der Anstalt aussichtslos, oder aus disziplinären Gründen nicht weiter zu verantworten ist, so kann ein ausführlich begründetes und belegtes Ersuchen auf Abgabe in ein Konzentrationslager an das Hauptwohlfahrtsamt gerichtet werden.
Welche Gründe tatsächlich zu einer Überstellung in ein Konzentrationslager führten - für Mädchen und junge Frauen war das Uckermark, für erwachsene Frauen Ravensbrück - konnten die Wissenschaftlerinnen jedoch nicht zweifelsfrei eruieren, so die Soziologin Helga Amesberger: "Wenn Frauen zweimal verurteilt worden sind, also zu mindestens sechs Monaten Haft, dann war oft auch die Überstellung ins Konzentrationslager die Folge nach der Haftentlassung. Das ist eine Tendenz. Und wenn es zu gehäuften Merkmalen kommt: Also wenn die Frauen wegen unsittlichen Lebenswandels und wegen fehlender Arbeitsmoral zum Beispiel inhaftiert/ verfolgt wurden, dann besteht die Tendenz, dass die Frauen eher in ein Konzentrationslager eingewiesen wurden." Im KZ mussten die als asozial geltenden Frauen den schwarzen Winkel auf ihrer Häftlingskleidung tragen. Die wenigsten von ihnen sind Jüdinnen. "Ich glaube, ab 41 ist das Jüdisch-Sein in den Vordergrund getreten, und da hatte man ohnehin eine Möglichkeit der Verfolgung und der KZ-Einweisung, also man hat das Asoziale nicht mehr unbedingt gebraucht." Und die Soziologin Brigitte Halbmayr fügt hinzu: "Bei aller Schwere und Absurdität, wie Frauen und Männer als Asoziale verfolgt wurden, sie waren schlussendlich nicht zur Vernichtung bestimmt. Da muss man schon immer unterscheiden zwischen dieser rassistischen Verfolgung der Juden und Jüdinnen oder auch Roma und Sinti, die in den Vernichtungslagern geendet haben, wo Millionen Menschen ermordet wurden."

Trotz Zwangsarbeit und strengen Haftbedingungen überlebten viele als asozial Verfolgte den Zweiten Weltkrieg. Aber ganz wenige haben später über ihr Schicksal gesprochen. Ein Beispiel ist Helene O. Sie hatte als Weberin und Kanzleiangestellte gearbeitet, trat dann eine Stelle nicht an, weil ihr der Amtsarzt Dienstunfähigkeit attestierte. Erste Verwarnung, neuerliches Verfahren, Urteil wegen Wehrkraftzersetzung. Es folgte eine Haft am Wiener Landesgericht, danach Einweisung in die Anstalt am Steinhof, später Deportation nach Ravensbrück, Entlassung im Februar 1945: "Sie hat dann bereits 1945 das erste Mal um Opferfürsorge angesucht und in der Folge weitere acht Mal Anträge gestellt nach dem Opferfürsorgegesetz, das heißt, sie hat es bis 1961 immer wieder versucht", sagt die Soziologin Helga Amesberger. Helene O. bekam nie eine Entschädigung, wurde nie als Opfer anerkannt. Viele der Frauen blieben auch nach Kriegsende in Betreuung, die Frage, ob für manche Frauen eine Rückkehr in die Normalität gelang, bleibt unbeantwortet; "Ich glaube, dass der primäre Grund war, dass man zum einen ihre Geschichte ohnehin nicht hören wollte, und zum anderen, dass die KZ-Haft auch immer mit Scham besetzt war."
Die Täterinnen und Täter sind zum Großteil davongekommen. Denn eigentlich waren es Fürsorgerinnen, Ärzte und Ärztinnen, Beamte der Asozialenkommission, die die Frauen zuallererst begutachteten. Und selbst wenn es zu Verfahren kam, wie etwa gegen den ersten Leiter der Arbeitsanstalt für asoziale Frauen am Steinhof, Alfred Hackel, der in einem ersten Prozess im Jahr 1946 zu 20 Jahren schwerem Kerker verurteilt wurde, brachte ein 2. Verfahren im Jahr 1948 eine drastische Reduktion der Strafe. Es war das Jahr, in dem eine generelle Amnestie für die sogenannten Minderbelasteten in Kraft trat. Damit waren 90 Prozent der ehemaligen österreichischen Nationalsozialisten von der Entnazifizierung nicht mehr betroffen und konnten wieder in ihren früheren Berufen arbeiten. Dementsprechend war auch der Umgang mit dem Begriff "asozial": "Im ersten Verfahren sagt das Gericht: „Asozialität ist kein wissenschaftliches Konzept, es gibt keine klaren Richtlinien, es ist reine Willkür.“ Im zweiten Verfahren wird von Asozialität als Problem gesprochen." Hackels Strafe wurde auf sechs Jahre herabgesetzt, bereits 1949 war er wieder frei. "Es zeigt sich ja durchgängig in den Nachkriegsjahren, dass hier keine positive Umbewertung geschehen ist. Dazu kommt natürlich auch das allgemeine gesellschaftspolitische Klima in Österreich, wo man nur an Wiederaufbau dachte, wo sehr bald die Rede vom „notwendigen Schlussstrich“ war, man muss nach vorne schauen, die Geschichte hinter sich lassen. Und dann kommt dazu, dass diese Werte rund um Leistung, Arbeitswilligkeit, auch alles, was mit Sexualität und sexuellem Verhalten verbunden ist, sich ja nicht geändert hat", sagt die Soziologin Helga Amesberger.

Eine erste Anerkennung erlangen die sogenannten Asozialen erst im Jahr 1995 mit der Schaffung des Nationalfonds-Gesetzes, im Jahr 2005 werden sie ins Opferfürsorgegesetz aufgenommen.
Viel zu lange wurde diese Opfergruppe übergangen, meint die Soziologin Brigitte Halbmayr: "Dieser Umstand, wie leicht man in diese Verfolgungsmaschinerie geraten konnte, und wie schwer man wieder herauskam, das hat mich sehr erschüttert." Die Lebensgeschichten der betroffenen Frauen sind Großteils verloren. Dabei wäre es gerade heute wichtig, über das Thema zu sprechen, ist die Politikwissenschaftlerin Elke Rajal überzeugt: "Eine Leistungsideologie und ein Bewerten von Menschen anhand ihres Zugangs zu Arbeit, oder den Zugang zu Arbeit, den man ihnen unterstellt, das ist aktuell. Man braucht sich nur den Umgang mit Menschen anschauen, die arbeitslos, langzeitarbeitslos sind, die Sanktionierungsmöglichkeiten oder Sanktionierungsgelüste eines Arbeitsamtes, die Sozialpolitik, die plötzlich wieder unterscheidet, wer soll wieviel des Allernötigsten, der Mindestsicherung, bekommen." Und die Soziologin Helga Amesberger nennt ein anderes Beispiel, das Parallelen sichtbar macht: "Gerade wenn immer wieder über „Sozialschmarotzer“, über die sogenannten Leistungsunwilligen gesprochen wird, haben wir die gleichen Diskurselemente drinnen."
Denn wie heißt es in einem „Erlass zur Erfassung asozialer Elemente im Reichsgau Wien“ im Dezember 1940 als Punkt 3 unter der Überschrift "Wer ist asozial?":
Zitat: Wer den Unterhalt für sich und seine Familie laufend den Wohlfahrtseinrichtungen des Staats, der Gemeinde oder der Partei aufzubürden versucht.
"Einen ähnlichen Diskurs haben wir heute. Ja wenn gerade kinderreichen Familien, also diesen immer wieder unterstellt wird, „die wollen ja nichts arbeiten und leben von der Kinderbeihilfe“."

Infos:
Das Buch "Arbeitsscheu und moralisch verkommen" der Autorinnen Helga Amesberger, Brigitte Halbmayr und Elke Rajal ist im Mandelbaum Verlag Wien erschienen. ISBN: 978-3-85476-596-7

Mittwoch, 27. November 2019

Rezension Kurzfilm "Louise".

Die Chefredakteurin der italienischen Filmzeitschrift "Cinema Austriaco", Marina Pavido, hat einen schönen Text über meinen Kurzfilm "Louise" geschrieben, den sie bei der Eröffnung der Louise-Fleck-Retrospektive bei der Viennale 2019 im Metrokino gesehen hat. Große Freude!

Freitag, 1. November 2019

Louise goes Wörgl.

Heute Abend ist der Kurzfilm "Louise" einer von zehn ausgewählten Beiträgen beim Tiroler Kurzfilmfestival in Wörgl.

Bisch a Tiroler, gesch da hin!

Update: Gewonnen haben wir zwar nicht, eine schöne Erwähnung gibt es aber hier.

Sonntag, 27. Oktober 2019

Louise im Metrokino.

Unser kleiner biografischer Kurzfilm "Louise" lief als Vorfilm zu Beginn der Louise-Fleck-Kinematografie. Saal im Metrokino war voll, alles hat geklappt, und ich habe den Filmprofessor aus Taiwan, Albert Teng, kennengelernt, der den chinesischen Regisseur Fei Mu erforscht, der ja gemeinsam mit Louise und Jakob Fleck in Shanghai den Film "Kinder der Welt" gedreht hat. War für uns beide sehr spannend, die Forschungsergebnisse aus zwei so weit entfernten Ecken zu erfahren!

Freitag, 18. Oktober 2019

Unerwünschtes Kino.

Das Filmarchiv hat eine tolle neue Ausstellung im Metro Kinokulturhaus zum Thema "Unerwünschtes Kino". Es geht um Filmschaffende, die ab 1933 in Deutschland nicht mehr arbeiten dürften und daher nach USA, Ungarn, Tschechoslowakei und Österreich auswichen. Mit dabei sind auch Louise und Jakob Fleck, die mit "Der Pfarrer von Kirchfeld" im Jahr 1937 den letzten unabhängig in Österreich gedrehten Film machten.
Zusätzlich zu den vielen Filmausschnitten in der Ausstellung gibt es auch eine ausführliche Retrospektive, der erste Teil behandelt Filme vor der Vertreibung 1930 bis 1933. Der zweite Teil folgt dann ab Dezember.

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Spurensuche im Nebel.

Beschäftigen sich Kriegsenkel mit dem Zweiten Weltkrieg? Und wenn ja, wie? Gibt es Unterschiede zwischen Enkeln aus "Täter-" bzw. "Opferfamilien"? Wen fragen wir und bekommen wir Antworten? Und was bedeutet die Beschäftigung mit dieser Epoche für unser eigenes Leben? Diesen Fragen bin ich für einen Artikel im aktuellen WINA- Das jüdische Stadtmagazin nachgegangen. Zu kaufen im gut sortierten Zeitschriftenhandel wie Morawa oder Thalia.

Montag, 14. Oktober 2019

Der weibliche Blick.

Screenshot Filmarchiv Austria
Im Rahmen der heurigen Viennale gibt es im Metro Kinokulturhaus eine vom Filmarchiv kuratierte Retrospektive mit Filmen von Louise und Jakob Fleck aus den Jahren 1926 - 1930. Damals arbeitete das Regiepaar in Deutschland, vor allem mit Hegewald-Film. Beim Eröffnungsfilm dieser sogenannten Kinematografie am Sonntag, den 27.  Oktober, um 19.00 Uhr wird mein Kurzfilm "Louise" als Vorfilm gezeigt.

Montag, 7. Oktober 2019

Der Wind hat mir ein Lied erzählt.

Endlich habe ich wieder ein Ö1-Musikkolleg gestaltet. Diesmal geht es um den Wind in der Musik, also wie Wind musikalisch dargestellt wird, im Text und in der Melodie. Heute beginnt das Ganze recht zart mit Windstille und Lüfterl, dann kommt der Sommerwind auf, und danach wird es stürmisch, bevor es sich am Donnerstag langsam wieder beruhigt. Jeweils ab 9.42 Uhr auf Ö1. Und in der Wiederholung abends ab ca. 22.45 Uhr. Ihr hört Werke für Orchester, Kunstlieder, Popsongs und vieles mehr!

Hier ist die Playlist aller vier Folgen:

1. Windstille bis Lüfterl (7.10.2019)

Franz Schubert: Meeresstille DV 216 op.3 Nr.2, gesungen von Leonardo de Lisi
Felix Mendelssohn-Bartholdy: Meeresstille und glückliche Fahrt op.27 - Ouvertüre
Richard Strauss: Eine Alpensymphonie op.64 „Windstille vor dem Sturm“
Bob Dylan: “Blowin´ in the wind”
Gil Scott-Heron: “Song of the wind”
Akos Banlaky: Vorfrühling op.40/1, gesungen von Gerlinde Ott, am Klavier Mennan Bërveniku
Franz Liszt: 2 Konzertetüden „Waldesrauschen“
Hans Weiner-Dillmann: „Draußen in Nussdorf weht ein süßes Lüfterl“ (Wienerlied), gesungen von Franz Schier

2. Sommerwind (8.10.2019)

Anton Webern: Im Sommerwind – Idylle für großes Orchester
Claude Debussy: Prelude „Le vent dans la plaine“
Freischwimma: Fian Wind
Eric Burdon: “Winds of change”
Manu Chao: “El Viento”
Attwenger: „Kalender“
Johann Sebastian Bach: Zerreisset, zersprenget, zertrümmert die Gruft BWV 205
Johann Sebastian Bach: Der Streit zwischen Phöbus und Pan BWV 201, Chor: „Geschwinde, geschwinde, ihr wirbelnden Winde“
Antonio Vivaldi: Die Jahreszeiten, Der Sommer – Concerto Nr.2 in g-moll op.8 RV 315

3. Sturm (9.10.2019)

Huby Mayer: „Es waht schon der Herbstwind“ (Kärntnerlied)
Richard Strauss: Eine Alpensinfonie op.64 – Gewitter und Sturm
Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr.6 in F-Dur op.68 Pastorale – 4. Satz Allegro Gewitter, Sturm
Jerry Lee Lewis: “Lovin up a storm”
Ella Fitzgerald: „Stormy weather“
Franz Schubert: Winterreise DV 911 „Der stürmische Morgen“, gesungen von Dietrich Fischer Dieskau
Antonio Vivaldi: „Agitata da due venti“, Arie der Constanza aus Griselda, 2. Akt/ 2. Szene, gesungen von Emma Kirkby


4. Zerstörung und Wetterberuhigung (10.10.2019)

Gustav Mahler: Kindertotenlieder, „In diesem Wetter, in diesem Braus“, gesungen von Dietrich Fischer Dieskau
Bert Brecht/Kurt Weil: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, „O furchtbares Ereignis“ und „Haltet euch aufrecht“
Felix Mendelssohn-Bartholdy: Duette op.63 Nr.5, “Volkslied”, gesungen von Barbara Bonney und Angelika Kirchschlager
Bob Dylan: “Shelter from the storm”
Konstantin Wecker: „Was immer mir der Wind erzählt“

Samstag, 5. Oktober 2019

Louise bei der Langen Nacht der Museen.

Im Metrokino läuft heute Abend im Rahmen der Langen Nacht der Museen ein Block mit Filmen von Louise Kolm-Fleck. Mein biografischer Kurzfilm ist dem Programm vorangestellt!

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Das bewegte Leben der Louise Fleck.

Wieder ein wunderbares Heft geworden, "Das Jüdische Echo 2019/2020". Viele Autorinnen schreiben über Frauen, und ich bin auch dabei. Mein Artikel ist ab Seite 124 zu finden. Erschienen im Falter-Verlag.

Dienstag, 1. Oktober 2019

Vier Abende in dreiundzwanzig Sekunden.

Hier entsteht ein nostalgisch-altmodischer analoger Animationsfilm über das Leben von Louise Fleck. Zu sehen bald, im Rahmen der Viennale-Kinematografie.

Freitag, 20. September 2019

Harry Merl. Vater der Familientherapie.

Vor 80 Jahren hat der Zweite Weltkrieg begonnen, ein Krieg, der rund 120.000 österreichische Jüdinnen und Juden ins Exil trieb und 65.500 das Leben kostete. Nur ein Bruchteil der jüdischen Bevölkerung überlebte in Wien. Einer von ihnen ist Harry Merl, der Vater der Familientherapie, wie er gerne genannt wird. Über seine Pionierarbeit und seine Erfolge als Psychotherapeut ist schon einiges geschrieben worden, unbekannt war bisher Harry Merls berührende Kindheit während des Nationalsozialismus. Merls Freund, der Autor, Regisseur und ebenfalls Psychotherapeut Johannes Neuhauser hat nun Erinnerungen zusammengetragen.

Es ist ein sehr persönliches, ein sehr leises Buch. Haptisch ansprechend, dickes Papier, angenehm anzugreifen. Kurze Kapitel, Erinnerungen, Gedanken und Berichte, kaum eine Seite ohne Bilder. Der Autor, Johannes Neuhauser, greift auf Video- und Tonmaterial zurück, auf private Filmaufnahmen genauso wie auf eigene Gespräche mit Harry Merl. Er hat die Biografie aus der Ich-Perspektive geschrieben, eine gute Entscheidung, schafft dies doch eine ganz besondere Unmittelbarkeit. Harry Merl - auf einem der ersten Fotos mit weißem Hemd und Trägerhose zu sehen, die lockigen Haare kaum gebändigt, der Blick ernst – wird am 11. November 1934 in Wien geboren.
Zitat: Als ich vier Jahre alt war, bekam ich von den Nazis einen weiteren Vornamen. Ich hieß dann Harry Israel Merl. Zudem bekam ich ein fettes „J“ auf die erste Seite meines Personalausweises und als Draufgabe einen gelben Judenstern.

Es ist vor allem diese kindliche Perspektive, die den ersten Teil des Buches so außergewöhnlich macht. Recht naiv ist der kleine Harry, kann viele Ereignisse nicht zuordnen, versteht die Reaktionen der Erwachsenen nicht. Fassungslos beobachtet er die fortschreitende Ausgrenzung.
Zitat: Einige unserer Nachbarn kamen einfach in unsere Wohnung, schauten sich um und nahmen wortlos unsere Möbel und fast unseren gesamten Hausrat mit… auch meinen kleinen Kindersessel.

Durch viele Zufälle bleibt die Familie in Wien. Der Vater wird zur Zwangsarbeit verpflichtet, die Mutter macht die Buchhaltung für einen Nationalsozialisten, später stehen beide Eltern im Dienst der Verwertungsstelle für jüdisches Umzugsgut der Gestapo, müssen verwaiste Wohnungen vertriebener Juden räumen. Harry Merl sagt über diesen Abschnitt:

Zitat: Es war eine Zeit, in der es eigentlich nur Verluste gegeben hat. Verluste von Menschen.

In einer Sammelwohnung ist kaum Platz für den Buben, geschweige denn gibt es die Möglichkeit für Unterricht. Der Vater bring Harry Hugh Loftings Buch „Dr. Dolittle“ mit.
Zitat: Immer und immer wieder las ich das Buch. Es war mein einziges. Bis heute hat Dr. Doolittle eine große Bedeutung für mich. So wie Dr. Dolittle die Tiere retten wollte, sollte ich später Menschen in schweren psychischen Krisen helfen. Dr. Dolittle war mein Lehrbuch. Das erste Lehrbuch und das beste!

Und auch von seiner ersten Liebe erzählt Harry, er ist damals acht Jahre alt. Im August 1942 ist Eva plötzlich nicht mehr da, deportiert nach Theresienstadt, später ermordet in Auschwitz.
Sorge und Trauer, Überforderung der Eltern, Abstumpfung. Ein Großteil der Familie Merl überlebt den Krieg nicht. Harry und seine Eltern verstecken sich die letzten Wochen in einem Kohlenkeller. Nach dem Krieg stürzt sich Harry ins Leben, maturiert mit Auszeichnung, liebt alles Amerikanische, vor allem den Jazz.
Zitat: Diese Musik wurde zu meinem Lebenselixier. Ich sagte mir immer wieder: Zum Jazz kann man nicht marschieren. Man kann nur tanzen – oder zuhören. Aber marschieren geht nicht!

Viel erzählt Harry Merl auch von Christl. Sie ist seine Gefährtin, Kollegin, Seelenverwandte, Mutter der gemeinsamen Söhne. Eine große Liebe.

Der zweite Teil des Buches ist ganz dem Berufsleben Harry Merls gewidmet, vom Medizinstudium über erste Erfahrungen mit Psychiatriepatienten in Mauer-Öhling bis hin zu seinen neuen Ideen und Ansätzen in der Psychotherapie.
Zitat: Das Spezifische an der Familientherapie liegt darin, dass man jeden Menschen immer im Zusammenhang mit seinen familiären Beziehungen denkt. Wenn der Mensch sich jetzt verändert, wie wird sich das auf seine Familie auswirken? Wird die Familie es zulassen? Wird es Schwierigkeiten geben? Wird die Familie davon profitieren? Das sind die Gedanken, die immer da sind. Denn das ist die Realität. Wo immer wir sind, unsere Familie ist in unserem Kopf mit dabei.
Auch Harry Merls Geschichte gäbe es nicht ohne seine Familie. Alles, was er erlebt hat, hat dorthin geführt, wo er schließlich beruflich landete. Er gibt in diesem Buch viel von sich preis. Ob im vorangestellten, sehr persönlichen Brief an die Eltern oder in den abschließenden Kapiteln, in denen von Glaube und Religion die Rede ist.

Man hat dieses Buch schnell gelesen, die Geschichte des Harry Merl bleibt jedoch lange im Gedächtnis.

Info: Johannes Neuhauser Harry Merl. Vater der Familientherapie (Verlag der Provinz, 2019)

Mittwoch, 4. September 2019

Wer war Arthur Gottlein?

ÖAW/Hinterramskogler
Dieser Frage gehe ich im Dezember und Jänner nach. Dafür bekomme ich auch Geld, nämlich von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Als eine von vier StipendiatInnen kann ich mich eine spannende Lebensgeschichte erforschen. In einem Video stelle ich mein Projekt kurz vor.

Super Sache! Ergebnisse dann im Lieblingsradio!

Montag, 2. September 2019

Gnadentod als Massenmord.

Zum 80. Jahrestag des Gnadentod-Erlasses von Adolf Hitler habe ich eine Ö1-Dimensionen-Sendung gestaltet. Donnerstag, 5. September, ab 19.05 Uhr.
Filmstill aus der Doku "Diagnose: unbrauchbar", copyright Trilight Entertainment

Dienstag, 20. August 2019

ORF-Archiv: 80 Jahre Zweiter Weltkrieg

Hier sind einige Dokumentationen zu finden, unter anderem "Stille Helden" aus dem Jahr 2017, produziert von Volkmar Geiblinger/Trilight Entertainment.

Montag, 29. Juli 2019

Jüdisches Hohenems.

Für unsere nächste ORF III Doku wird ein möglicher Drehort besucht. Hohenems, mit seinem sehr malerisch gelegenen jüdischen Friedhof und dem interessanten Jüdischen Museum. Gedreht werden soll dann im März 2020. Ausstrahlung Mai 2020.





Freitag, 19. Juli 2019

Eine versunkene Welt.

Die Bucklige Welt, das Wechselland – die meisten von uns kennen diese Region vor allem vom Durchfahren auf der Südautobahn. Eine hügelige Gegend durchsetzt mit kleineren Ortschaften, ländlich und durchaus pittoresk. Seit einigen Jahren sind hier umtriebige Historikerinnen und Historiker zu Gange, sie wollen Zeitgeschichte erlebbar machen und suchen nach Lebensspuren und Erinnerungen. In einem fast 300 Seiten starken, reich bebilderten Sammelband sind nun unter dem Titel Eine versunkene Welt – Jüdisches Leben in der Region Bucklige Welt – Wechselland einige dieser Geschichten vereint. Sie geben Einblick in ein spannendes und berührendes Stück Regionalgeschichte.

Zitat: Ich komme von einer anderen Welt, einer versunkenen Welt, einer Welt, die es nicht mehr gibt, von der alle Spuren ausgelöscht wurden und die nie wieder auferstehen wird. Ein Brief von Fritz Blum. 1914 in Krumbach geboren, flieht Blum 1938 über die Schweiz, überlebt den Krieg in einem Dorf in Südfrankreich. Später wandert er nach Kanada aus. Doch seine Geschichte beginnt schon viel früher, rund um 1820, als sich sein Vorfahr Juda Blum, der „Jidl“, in Krumbach niederlässt, eine Synagoge errichtet und die jüdische Gemeinde begründet. Und so ist es auch in vielen anderen Ortschaften der Buckligen Welt. Jüdische Familien führen Greißlereien, Wollwarenfabriken, arbeiten in der Milch- und Viehwirtschaft. Die Gegend ist vor allem bei Sommerfrischlern beliebt, Antisemitismus ist latent immer da. 1909 befürchtet ein Bewohner von Kirchberg am Wechsel, sein Heimatdorf könnte „verjudet“ werden. 1920 erscheint in den „Wiener Neustädter Nachrichten“ folgender Aufruf:
Zitat: Um in unserem Orte den Zuzug jüdischer Sommerfrischler unmöglich zu machen, wurde seitens der Hausbesitzer beschlossen, im kommenden Sommer nur noch an Christen Wohnungen zu vergeben. Arier mögen sich baldigst melden! 

Die Jüdinnen und Juden, die hier leben und arbeiten, sind gut integriert, zahlreiche Fotografien in diesem Buch zeigen lachende Kinder, fröhliche Jugendliche, plaudernde Erwachsene. Oft ist von einer „unbeschwerten Kindheit“ die Rede. Mit dem Jahr 1938 ändert sich alles. Der Bad Erlacher Fleischhauer Max Brückner – der 1942 gemeinsam mit seiner Frau Theresia im Vernichtungslager Treblinka ermordet wird – wehrt sich lange gegen die Zwangsveräußerung seines Besitzes, schreibt an den Reichswirtschaftsminister:
Zitat: Ich gestatte mir, meine Bitte auch damit zu begründen, dass ich in Erlach geboren bin, seit meiner Geburt in Erlach gewohnt habe und die Häuser schon von meinem Vater geerbt habe, weshalb ich mich hiervon nur schwer trennen kann. Ich habe mich nie staatsfeindlich betätigt und auch sonst nie einen behördlichen Anstand gehabt, sodass auch in dieser Richtung kein Anlass besteht, die Liegenschaft und das Geschäft zwangsweise zu veräußern.

Ausführlich erforschte Familiengeschichten sind in diesem Buch zu lesen, aber auch ganz kurze Erzählungen von Familien, von denen tatsächlich nichts übriggeblieben ist. Berührend auch die Geschichte der Gemischtwarenhandlung Winkler in Hochwolkersdorf. Sie erzählt von Plünderungen und wüsten Beschimpfungen gegen die Familie Winkler, aber auch von Widerstand und Hilfe. Denn die Bäuerin Maria Rosa bringt den Winklers gegen den Willen ihrer beiden älteren Söhne weiterhin die Milch, erzählt der jüngste Sohn Anton:
Zitat: Solange ich mich zurück erinnern kann, haben wir der Familie Winkler immer die Milch geliefert. Die Mutter hat gesagt: „Euch werde ich nicht fragen, ob ich denen eine Milch liefere“.
Anton ist mit Kurt Winkler befreundet. Die beiden kennen sich aus der Schule. Hochwolkersdorf ist innerhalb weniger Tage im März 1938 „judenfrei“. Kurt Winkler, damals 12 Jahre, erinnert sich:
Zitat: Unsere Familie war weg, und nichts erinnert mehr an uns. Als ob es uns nie gegeben hätte! 
Bruder Willi fährt mit einem Kindertransport nach England, Kurt und seine Eltern flüchten nach Palästina. Wer es nicht ins Exil schafft, hat kaum eine Chance zu überleben. Mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung der Region stirbt in Konzentrationslagern. Aus dem Exil zurückgekommen sind nur ganz wenige, und wenn, dann erst viele Jahre nach Kriegsende. Fritz Blum erzählt:
Zitat: Der erste Schulfreund, welchem ich begegnete, fiel mir um den Hals und weinte, ein anderer dagegen sagte: „Bist a wiada do, hot ma do nit olle umbracht?“

Zitate, Briefe, Dokumente und Fotografien erinnern an die versunkene Welt der jüdischen Gemeinden. Die Ortschaften haben sich kaum verändert, noch immer gibt es das Haus des Gemischtwarenhändlers, die ehemalige Fleischerei, die Wirtschaftsgebäude einer Fabrik. Was fehlt, sind die Menschen, die hier so gerne gelebt haben. Wie Stephan Mautner aus Trattenbach:
Zitat: Mit Mathematik kommt man genauer, mit Liebe zur Natur aber nicht schlechter, und jedenfalls schöner durch die Welt. Und darauf kommt es an. Liebe zur Schönheit ist Liebe zur Natur, Natur und Ewigkeit gehören zueinander und wo beginnt die Ewigkeit? Am End´ der Welt, in Trattenbach für mich – für uns.
Stephan Mauthner und seine Frau Else werden im Sommer 1944 in Auschwitz ermordet.

Info:
Johann Hagenhofer, Gert Dressel, Werner Sulzgruber (Hg.): Eine versunkene Welt. Jüdisches Leben in der Region Bucklige Welt - Wechselland (Kral-Verlag, 2019)

Mittwoch, 10. Juli 2019

Zwei Monate stressfrei recherchieren.

Ich habe mich mit einem zeitgeschichtlichen Thema bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften beworben, Dezember 2019 und Jänner 2020 werde ich mich damit beschäftigen. Mehr dazu dann. Jetzt erstmal freuen!

Donnerstag, 4. Juli 2019

Blitzeinreichung.

Vier Tage atemlos. Konzept, Kalkulation, Sponsoren, Storyboard, Angebote. Jetzt Daumen halten. Inhalt wird aber noch nicht verraten...

Freitag, 21. Juni 2019

Wer bin ich und wo komm ich her?

Endlich mache ich wieder ein Ö1-Radiokolleg. Ein kleines zwar, aber na gut. Es geht um Ahnenforschung und Biografieforschung und welche Möglichkeiten es gibt, um mehr über die Vorfahren und deren Leben zu erfahren. Sendedatum: 8. bis 11. Juli, immer ab 9.30 Uhr.

Freitag, 7. Juni 2019

Heiliger Zorn.

Die Antike. Lange her und kaum etwas übrig. Wir kennen die Zeit der Alten Römer und Griechen aus Ausgrabungen, Historienfilmen und Asterix-Heften. Eine Zeit der Hochkulturen, der großen Denker, der beeindruckenden Tempel und Paläste. Eine Epoche, die schließlich unterging und ins dunkle Mittelalter führte. Doch die britische Historikerin und Journalistin Catherine Nixey erzählt noch viel mehr über diese Zeit. Denn sie belegt schlüssig, wie sehr das aufkommende Christentum dafür verantwortlich war, dass von der Antike vor allem Ruinen und zertrümmerte Statuen übrig geblieben sind. Ihr 2018 unter dem Titel The Christian Destruction oft he Classical World veröffentlichter Erstling hat in Großbritannien
und den USA für heftige Debatten gesorgt. Nun liegt es unter dem Titel Heiliger Zorn: Wie die frühen Christen die Antike zerstörten auch auf Deutsch vor.

Catherine Nixey ist die Tochter eines ehemaligen Mönches und einer ehemaligen Nonne. Geboren in Wales, studierte sie Geschichte an der Universität von Cambridge. In der Familie waren Religiosität und Christentum stete Begleiter: Tischgebete, Gottesdienste, Gespräche über den Glauben. Die frommen Eltern sahen die Kirche als Heilsbringerin, als Bewahrerin des Wissens.

Zitat: In gewisser Weise hatten meine Eltern damit durchaus recht: die Klöster haben umfangreiches klassisches Wissen bewahrt. Aber das ist längst nicht die ganze Wahrheit. Im Grunde lenkt sie sogar von dem ab, was vorher geschehen war und was die Kirche in ein weit weniger glorreiches Licht rückt – schließlich war es die Kirche gewesen, die die antike Kultur vernichtet hatte, bevor sie Anstalten machte, sie zu bewahren.

Über die positiven Beiträge des Christentums in der Menschheitsgeschichte gebe es bereits genügend Publikationen, meint die Autorin, und begibt sich daher auf eine Reise in die Antike. Eine Reise, die eigentlich als tatsächliche Fahrt in die betreffenden Gegenden geplant war, nach Palmyra etwa, wo der Tempel der Athene um das Jahr 385 nach Christus von fanatischen Christen – damals Zeloten genannt – zerstört worden war.

Zitat: Als die Männer den Tempel betraten, nahmen sie eine Stange und zertrümmerten Athenes Hinterkopf mit einem einzigen Schlag – einem Schlag, der mit solcher Kraft ausgeübt wurde, dass er die Göttin enthauptete. Ihr Kopf fiel zu Boden, die Nase brach ab, die so sanft wirkenden Wangen waren zerschmettert. Nur die Augen Athenes blieben intakt und blickten die Angreifer aus einem furchtbar entstellten Gesicht heraus an.

Die politische Lage, die Gewaltherrschaft des IS, machten eine tatsächliche Reise für die Autorin unmöglich, das Buch besucht dennoch die antiken Schauplätze mit Stationen im heutigen Ägypten, in Rom, im Norden der Türkei, in Griechenland. Und es lässt uns in die längst vergangene Welt der Antike eintauchen, macht Geräusche hörbar, Gerüche und Geschmäcker fühlbar. Etwa bei einem Spaziergang durch das sündhafte Rom, wo Wollust, Völlerei und Habgier herrschten.

Zitat: Die Frauen trugen juwelenbesetzte Sandalen und teure Seidenkleider aus derart dünnem Stoff, dass man jede Rundung ihres Körpers sah. Hatten sich die römischen Adligen früher damit gebrüstet, sich durch Bäder im eiskalten Strom des Tiber abzuhärten, zog diese verweichlichte Generation barock dekorierte Badehäuser vor, in die sie zahllose silberne Fläschchen mit Öl und Salben mitschleppte.

Ein Sündenpfuhl sondergleichen, so dachten die Christen, dem ein Ende gesetzt werden musste. Scharf analysiert die Autorin die Verbrechen, die folgten. Berichtet, mit welcher Wucht gegen die Anbetung der Götter vorgegangen wurde, von der noch heute jene Statuen erzählen, denen Gliedmaßen abgehackt und christliche Kreuze in die steinerne Stirn gekratzt wurden. Wer sich nicht an die Regeln hielt, wurde verfolgt. Philosophen durften nicht mehr lehren, viele gestanden unter quälender Folter die Namen anderer Denker, nicht wenige gingen ins Exil. Texte wurden zerstört oder überschrieben. Einschüchterung, Terror, Hinrichtungen. Tausende fanden den Tod. Die Christenverfolgungen im Römischen Reich waren nichts im Vergleich zu dem, was Christen schließlich Andersgläubigen antaten, schreibt Catherine Nixey. Und weiter:

Zitat: Wem dies nicht plausibel erscheint, der sollte bedenken: Heute gibt es über zwei Milliarden Christen auf der Welt und keinen einzigen Anhänger der altrömischen Religion mehr.

Manches mag weit hergeholt klingen, doch die Autorin belegt ihre Thesen stets mit historischen Schriftstücken, die – und auch das zeigt dieses Buch auf beeindruckende Weise – nicht nur als historische, sondern vor allem als gesellschaftspolitische Quellen funktionieren. Das frühe Christentum aus einem anderen Blickwinkel betrachtet: Fanatische Männer und Frauen, die im Namen der Religion Verbrechen begehen. Und deren Taten später von den Erzählungen über Märtyrer und fromme Mönche überlagert wurden. Catherine Nixey legt mit ihrem Erstling ein dichtes, fesselndes und anspruchsvolles Buch vor, das unsere Sichtweise verändert und neue Denkanstöße gibt, um ein über die Jahrhunderte gefestigtes Narrativ zu durchbrechen.

Info: Catherine Nixey: Heiliger Zorn: Wie die frühen Christen die Antike zerstörten (aus dem Englischen von Cornelius Hartz, Deutsche Verlags-Anstalt, 2019)

Freitag, 3. Mai 2019

Vom Sog der Massen.

Wir leben in einer Welt gleichgeschalteter Individuen. Ist Ihnen das eine zu krasse Aussage? Doch schauen Sie einmal genauer hin: Jeder und jede stellt sich selbst in den Mittelpunkt, Selfie hier, Selfie dort – doch all diese Bilder gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Massentourismus, Massenmedien, Massenbewegung – passen diese Begriffe noch in die heutige Zeit? Und was bedeuten sie wirklich? Die beiden deutschen Philosophen Gunter Gebauer und Sven Rücker haben sich auf eine semantische Reise gemacht und den Begriff der Masse von vielen Seiten analysiert und neu interpretiert. Herausgekommen ist das Buch Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen.

Eine Masse. Was ist das überhaupt? Ist damit nur eine Ansammlung von Menschen gemeint? Und wie viele Menschen braucht es, um von einer Masse zu sprechen? Es gilt also zunächst nachzuforschen, wann und wie und warum Massen überhaupt entstehen.

Zitat: Sie entstehen dann, wenn viele Menschen an einem (wirklichen oder virtuellen) Ort zusammenkommen und ein gemeinsames Ziel ihres Handelns verfolgen, das sie hier und jetzt erreichen wollen. Aus dieser Situation des gerichteten Miteinanders entsteht eine Übereinstimmung von Aktion, Haltung, Stimmung und Spontaneität.

Ist der Begriff einmal definiert, geht es in den weiteren Kapiteln um die verschiedenen Ausformungen von Massen, um ihre Ausprägungen etwa in Berlin und Paris in den späten 1960er Jahren oder in der DDR vor dem Mauerfall. Es geht um die Funktionsweise von Massen, um die sozialen Medien und das Internet. Eine Masse muss nicht zwangsläufig sofort für jedermann erkennbar sein, etwa als kirchlicher oder sportlicher Großevent, als Protestbewegung oder Demonstrationszug. Das Geschehen spielt sich oft in Foren oder auf Kommentarseiten ab. Vielfach anonymisiert. Dort trifft man auf Gleichgesinnte und kann seinem Unmut freien Lauf lassen. Hier wie dort gilt jedoch: es macht einen großen Unterschied, ob man drinnen ist in der Masse oder draußen.

Zitat: In der Wahrnehmung eines Individuums, das zur Masse gehört, nimmt mit dem Anwachsen der Masse das Gefühl der Macht zu. In der Sicht von außen provoziert die Bewegung des Anschwellens eher Gefühle der Beklemmung oder geradezu der Angst.

Nie war unsere Welt so voller Möglichkeiten, um sich zu entfalten. Nie standen uns so viele Wege offen, um schließlich den eigenen zu wählen. Wir brüsten uns damit, anders zu sein als die Anderen. Die Autoren Gunter Gebauer und Sven Rücker nennen diese Generation die der „Kulturellen Massen“.

Zitat: Ihre Mitglieder sind weit davon entfernt, sich für Teile einer Masse zu halten – sie sind Einzelne, die massenhaft auftreten, bei Kulturereignissen mit Kultcharakter, Kunstevents, Konzertsensationen, in weltbekannten Museen und an hoch bewerteten Tourismuszielen. Sie alle streben nach kultureller Beteiligung, alle mit der gleichen Absicht, alle informiert durch dieselben Massenmedien.

Und so stellen die individuellen Galeriebesucher schließlich ihre einzigartigen Instagramfotos auf die Plattform, wo tausende andere Individualisten ihrer unkonventionell konventionellen Extravaganz frönen. Doch – auch hier gilt wohl das Motto: Dabei sein ist alles.

Zitat: Sie bewahren ihre intensiven Erfahrungen des Massengeschehens in ihrem späteren Leben – nicht nur als Erinnerung, sondern als Bestandteil ihres Ichs. Nichtteilnahme erscheint dann wie eine verpasste Chance. 

Die Sache mit der Masse ist ein komplexes Thema, in diesem Buch launig, verständlich und überaus interessant verpackt. Auch die Flüchtlingsbewegung, die Europa seit dem Herbst 2015 politisch und gesellschaftlich herausfordert und beschäftigt, lässt sich als Massenbewegung lesen. Die Autoren analysieren die Berichterstattung: In vielen Medien werden Flüchtlinge als Bedrohung dargestellt, die Europa überschwemmen und die heimische Kultur auslöschen würden.

Zitat: Gegen solche Zuschreibungen können sich die Flüchtlinge nicht wehren. Als Masse sind sie, trotz aller Reden, die sie entfachen, stumm. Die Masse selbst bildet kein Narrativ. Die Geschichte ihrer Tragödien und Katastrophen kann nur von Einzelnen erzählt werden. Das Massenelend zeigt sich am Einzelschicksal; es muss ein Gesicht bekommen.

Wenn man über Massenphänomene nachdenkt, muss man sich zwangsläufig mit Populismus beschäftigen. Das „Wir“ steht über dem „Die“, von höchster Stelle wird an das Volk getwittert, das Volk fühlt sich verstanden und applaudiert dem Twitterkönig.

Zitat: Die Populisten eint ein tiefes Misstrauen gegen jede Form der Vermittlung. Das betrifft die Feindschaft gegen die Medien (Stichwort „Lügenpresse“) ebenso wie die Ablehnung von Vermittlung als Versöhnung, Aushandlungsprozess und Kompromiss. Es gibt nur das Entweder-Oder.

Wer sich nach oder - noch besser – während der Lektüre die Zeit nimmt und alle in der Filmografie angeführten Filme ansieht, die in mehreren Kapiteln immer wieder zitiert werden – darunter Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“, Alfred Hitchcocks „Die Vögel“, Fritz Langs „Metropolis“ und Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“ – der bekommt wohl ein noch vollständigeres Bild davon, was Massen sind, woher sie kommen und was sie alles bewegen können.

Info:
Gunter Gebauer, Sven Rücker: Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen (Deutsche Verlags-Anstalt, 2019)

Dienstag, 16. April 2019

Diagnose: unbrauchbar.

Unsere neue Dokumentation ist so gut wie fertig. Hier die ersten Stills. Ich glaube, sie ist ganz gut gelungen. Sendetermin: 4. Mai 2019, 20.15 Uhr, ORF III.
(Alle Bilder Copyright Trilight Entertainment)



Sonntag, 14. April 2019

Ganz nah dran an der Geschichte.

Ein Besuch im Photoatelier Setzer-Tschiedel versetzt die Besucher ruckzuck ins Jahr 1910. Im Dachboden des Hauses Museumstraße 5 hat sich ein Atelier so erhalten, wie es damals war. Und das Tolle: Gleich nebenan war das legendäre Filmstudio von Anton und Louise Kolm, wo sie gemeinsam mit Jakob Fleck die ersten Schritte in Richtung Filmproduktion wagten!

Mittwoch, 27. März 2019

Im Metrokino. Wo sonst?

Würdige Buchpräsentation meines Buches "Louise, Licht und Schatten" im historischen Saal des Metro Kinokulturhauses. Gemeinsam mit Nikolaus Wostry vom Filmarchiv habe ich über Louise Veltée/Kolm/Flecks Leben erzählt, Monika Kulossi - Louise Flecks Enkelin - hat sich an ihre Großmutter erinnert, danach gab´s den Stummfilm "Der Doppelselbstmord" aus dem Jahr 1917, inklusive Live Klavierbegleitung. Ein schöner Abend mit vielen Freunden und interessierten Menschen!




Alle Fotos Copyright: Gerald Gottlieb

Mittwoch, 20. März 2019

Louise goes Diagonale.

Ein schöner, informativer und lustiger Abend im Rechbauerkino. Im Rahmen der diesjährigen Diagonale wurde "Die Ahnfrau", ein Stummfilm aus dem Jahr 1919 in der Regie von Louise Kolm und Jakob Fleck, live von Amina Handke und Asli Kislal kommentiert. Ich durfte zu Beginn ein bissl was Biografisches erzählen. Ein paar Zweifel sind geblieben - warum gehen Baron Borotin und die Soldaten einfach einmal im Kreis herum und warum verschwindet Jaromir immer wieder nach draußen, wenn er doch im Schloss eigentlich in Sicherheit ist???


Montag, 18. März 2019

Schöner Drehort, traurige Geschichte, Teil 2.

Am Wochenende auf Dreh in Oberösterreich, Schloss Hartheim bei Alkoven. Heute ein friedlicher Ort, damals eine Stätte des Grauens. Rund 30.000 Menschen wurden hier zwischen 1940 und 1944 von den Nationalsozialisten ermordet.