Freitag, 2. März 2018

Fast ganz normal.

Nicht nur in Österreich werden heuer etliche Jahrestage begangen, auch Israel feiert im Mai 70 Jahre Staatsgründung. Am 14. Mai 1948 rief David Ben-Gurion den Staat Israel aus. Seither hat sich das Land rasant entwickelt, allerdings nicht konfliktfrei: Stichworte Nahost-Konflikt, besetzte Gebiete, Siedlungsbau. Einer, der Israel gut kennt und es den Ö1-Hörerinnen und Hörern Woche für Woche in den Journalen und Nachrichtensendungen zu erklären versucht, ist ORF-Korrespondent Ben Segenreich. Gemeinsam mit seiner Frau, der Journalistin Daniela Segenreich, hat er nun ein Buch geschrieben. Ein Buch über sein berufliches und familiäres Leben in Israel.

"Aber nur fast" heißt ein Lied des Kabarettisten Gerhard Bronner, der 1938 als 15-Jähriger auf abenteuerlichen und vor allem illegalen Wegen vor den Nationalsozialisten aus Wien nach Palästina flüchtete. Das Lied hat Daniela und Ben Segenreich zum Buchtitel inspiriert. Denn Israel zu verstehen, ist tatsächlich nicht ganz leicht, schreibt Ben Segenreich im Vorwort.
Zitat: Erstens: Da Israel so klein ist, sollte es überschaubar und vielleicht sogar durchschaubar sein, tatsächlich ist es aber sehr kompliziert und eigentlich unerklärbar. Zweitens: Trotz all dieser Komplikationen und entgegen herkömmlichen Vorstellungen gibt es in Israel einfach einen banalen Alltag.

Und so erzählen die beiden von ihrem Alltag, damals in den 1980er Jahren, als sie in dieses Land kamen, er 1983, sie fünf Jahre später. Von der Eingewöhnung und ersten beruflichen Erfolgen. Vom eigenen Haus, das 1990 gekauft wurde und von den irakischen Raketenangriffen im Jänner und Februar 1991.
Zitat: Am nächsten Tag stand ich im Supermarkt mit den übrigen Kunden Schlange, um unsere Vorräte aufzustocken und frisches Brot zu kaufen. Wir waren alle etwas unausgeschlafen und warteten mit den um die Schultern gehängten Kartonschachteln, in denen die Gasmasken lagen. Sie sollten für die nächsten Wochen unsere ständigen Begleiter sein.
Das Buch ist eine lose Zusammenstellung von Artikeln der beiden Journalisten aus den vergangenen Jahrzehnten, eine zeitliche Abfolge gibt es nicht, sie ist auch nicht notwendig, greifen die Themen doch immer wieder ineinander. Politisches ist da zu lesen, aber auch Gesellschaftskritisches, Zeithistorisches und eben Alltägliches. Ben Segenreich etwa sammelt deutsche Wörter, die ins Hebräische eingeflossen sind.
Zitat: Wenn ein Israeli von meinem Getränk oder meinem Sandwich kosten will, dann bettelt er um einen Schluck oder einen Biss. Wirklich hungrig ist er dabei nicht, er will nur lenaschnesch, was nichts anderes ist als ein in hebräische Grammatik eingekleidetes "naschen" und auch genau dieses bedeutet. Ich wiederum bin natürlich kein Bock (also nicht starrsinnig) und mefagenn (klingt wie "vergönne" und kommt tatsächlich davon) ihm das gerne. Schnitzel und Strudel haben ohnehin globale Verbreitung, in Israel wurde man aber zumindest bis vor ein paar Jahren auch verstanden, wenn man zu Letzterem Schlagsahne bestellte und in vielen Konditoreien bekommt man eine Cremschnitt.
Auswandern sei ein bisschen wie die Liebe, es sei romantisch, schmerze ab und zu und gehe durch den Magen, schreibt Ben Segenreich.

Sehr persönliche und nachdenkliche Einblicke in das Familienleben gewährt Daniela Segenreich. Etwa, wenn sie von ihren beiden Töchtern erzählt, die - wie alle israelischen Jugendlichen - in der Armee gedient haben. Die Shoah ist in Israel stets präsent. Die Aufarbeitung beginnt bereits im Kindergarten. Und kurz vor dem Schulabschluss reisen auch die Segenreich-Töchter nach Auschwitz und besuchen weitere ehemalige Lager.
Zitat: Ich war stolz, dass meine Kinder an dieser Reise teilnahmen, doch als meine jüngere Tochter nach ihrer Rückkehr wochenlang von Albträumen über Lager, Selektionen und die Hinrichtung unserer Familie geplagt wurde, begann ich mich zu fragen, ob wir da alles richtig machen.

Daniela und Ben Segenreich leben - das spürt man beim Lesen - gern in Israel. Sie verteidigen das Land gegenüber bestehenden Vorurteilen, hinterfragen und kommentieren aktuelle und vergangene Ereignisse. Etwa die rasante Entwicklung Tel Avivs zu einer vibrierenden modernen Großstadt.
Zitat: Kein Wunder, dass der Hotspot am östlichen Mittelmeer diejenigen anzieht, die ständig auf der Suche nach Innovationsideen und Investitionsgelegenheiten sind. Der Raum von Tel Aviv wird als bestes Start-up-Ökosystem außerhalb der USA eingestuft, und an der US-Technologiebörse NASDAQ hat das winzige Israel nach den USA und China mehr Firmen gelistet als jedes andere Land.
Daniela und Ben Segenreich zeigen Israel als ein Land der Widersprüche und Gegensätze. Wirklich verstehen werden sie es aber wahrscheinlich auch - nur fast.

Info: Fast ganz normal - Unser Leben in Israel. Von Ben & Daniela Segenreich (Amalthea 2018)