Freitag, 20. Januar 2017

Das unmögliche Exil.

Im Februar sind es 75 Jahre seit dem gemeinsamen Selbstmord von Stefan Zweig und seiner Frau Lotte im brasilianischen Exil im Jahr 1942. Stefan Zweig, einer der wichtigsten österreichischen Schriftsteller, Stefan Zweig, der die Schachnovelle, Ungeduld des Herzens oder Die Welt von Gestern geschrieben hat - diesem Stefan Zweig ist im Exil das Leben völlig entglitten. In seinem Buch "Das unmögliche Exil - Stefan Zweig am Ende der Welt" versucht der US-amerikanische Journalist und Autor George Prochnik herauszufinden, wieso die Lebensgeschichte Zweigs so tragisch endete. Welche Erfahrungen machte Zweig an seinen Exil-Stationen, wo ging sein Lebenswille verloren und wie erlebte Zweig die Abkehr der geistigen Elite von Europa? Der Autor ist selbst Nachfahre von Wiener Emigranten.

Akribisch analysiert George Prochnik die Exilstationen des damals schon weltberühmten Schriftstellers Stefan Zweig. Wundert sich über das zeitweise fast völlige Vergessenwerden in den USA - er berichtet, er habe im Laufe seiner akademischen Ausbildung kein einziges Mal von Stefan Zweig gehört - und ist erstaunt über die überschwängliche Begeisterung für den Autor in Brasilien. Er besucht Wirkstätten und Wohnadressen, und entwirft so ein außerordentlich facettenreiches biografisches Profil.
Zitat: Stefan Zweig - reicher Bürger Österreichs, rastlos umherwandernder Jude, erstaunlich produktiver Autor, unermüdlicher Verfechter eines paneuropäischen Humanismus, unablässiger Netzwerker, tadelloser Gastgeber, zu Hause ein Hysteriker, hehrer Pazifist, billiger Populist, zartes Gemüt, Hundeliebhaber, Katzenhasser, Büchersammler, Krokodillederschuhträger, Dandy, Depressiver, Kaffeehausenthusiast, Tröster einsamer Herzen, gelegentlicher Frauenheld, Männerliebäugler, mutmaßlicher Exhibitionist, überzeugter Fabulierer, Schmeichler der Mächtigen, Held der Machtlosen.
Für Stefan Zweig sei das Exil kein statischer Zustand, sondern ein Prozess gewesen, schreibt der Autor in seiner Einleitung. Zweig sei schon in Europa von Ort zu Ort geschubst worden, und dann habe sich ihm die Welt nach und nach verweigert.

1934 verlässt der Schriftsteller Österreich und reist zunächst nach England. Obwohl er bald die britische Staatsbürgerschaft bekommt, ist Hitler-Deutschland zu nah und es drängt ihn fort in Richtung USA. Heimisch wird er dort nie, er hasst New York und verdammt Kommerz und billige Vergnügungen.
Zitat: Ein Verlust, an den sich Stefan Zweig in New York nie gewöhnen konnte, war das Fehlen echter Kaffeehäuser. Zwar gab es Orte, die sich Cafés nannten und wo man eine Tasse des schwarzen Gebräus bekam, aber sie hatten nichts mit dem zu tun, was das Kaffeehaus ausmachte. Das klassische Wiener Café sei eine weltweit einzigartige Institution gewesen, behauptete Zweig: Büro, zweite Heimat und demokratischer Klub in einem, der allen zum Preis einer Tasse Kaffee offenstand.

Als der Krieg auch über den Atlantik zu schwappen droht, sieht Zweig in Brasilien, dem er 1941 mit dem Buch Brasilien - ein Land der Zukunft ein nicht unumstrittenes literarisches Denkmal setzt - einen Ruhepunkt nach all den Reisen. Bereits bei seinem ersten Besuch 1936 hatte ihn das Land mit offenen Armen empfangen. Am Hafen wartete eine Delegation, die Menschen jubelten, wenig später folgte ein Besuch beim damaligen Präsidenten Getúlio Vargas.
Zitat: Als Zweig zum ersten Mal seine Suite im Copacabana-Hotel betrat, fand er einen ganzen Haufen Visitenkarten vor, und in den Zeitungen war sein Tagesplan abgedruckt. [...] Als er in einem kleineren Auditorium eine intimere, nicht öffentlich angekündigte Lesung gab, drängten sich dort 1.200 Menschen, obwohl die Hälfte von ihnen den ganzen Abend lang stehen mussten.
Und so lässt sich Stefan Zweig mit seiner zweiten Ehefrau Lotte wenige Jahre später, 1941, in der nördlich der Stadt Rio de Janeiro in den Bergen gelegenen Stadt Petrópolis nieder, beide sind frohgemut und neugierig.
Zitat: Stefan und Lotte nutzen jede Regenpause, um nach Einbruch der Dunkelheit einen ihrer langen Spaziergänge zu unternehmen. [...] Sie waren Nachtmenschen, und die Nacht war immer die Zeit gewesen, in der sie mit anderen zusammen gewesen waren, und jetzt schauten sie sich anstelle von Konzerten und Theaterstücken die Geheimnisse der Natur rings um sie an.
Die anfängliche Euphorie schwindet bald. Petrópolis ist nicht das Paradies, es ist vielmehr Isolation und Gefängnis. Die Stadt in den brasilianischen Bergen wird für das Ehepaar Zweig zur Endstation einer langen Reise. Am 23. Februar wählen sie gemeinsam den Freitod. Das provisorische Leben fern der Heimat, wie es der einsame Kosmopolit Zweig in einem Abschiedsbrief an liebe Freunde bezeichnete, endet tragisch.

Das vorliegende Buch Das unmögliche Exil basiert vor allem auf der reichhaltigen Korrespondenz Zweigs, außerdem auf unveröffentlichten Briefen Lottes und ihrem Tagebuch. Wichtigste Quelle war freilich Zweigs autobiografischer Text Die Welt von Gestern. George Prochnik macht sich Gedanken über Spuren, die jeder Mensch in der Welt hinterlässt, über Erinnerungen, die überleben, über Freundschaften, die verloren gehen. Er erzählt Zweigs Leben auf unaufdringliche Weise, verzichtet auf Fußnoten und allzu viele Anmerkungen. Und immer wieder streut er Details seiner eigenen Familiengeschichte ein, seine Großeltern und sein Vater sind auch aus Wien geflüchtet. Dieses Buch ist empathisch aber nicht rührselig, es ist leicht lesbar und dennoch ungeheuer informativ. Ins Exil geht niemand leichtfertig - und auch wenn es für manchen eine Chance bedeutet, für Stefan Zweig führte es in die Hoffnungslosigkeit.

Info: Das unmögliche Exil - Stefan Zweig am Ende der Welt, C.H.Beck 2016, aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen