Freitag, 8. Juli 2016

Alte Wege.

Urban Gardening, Gemeinschaftsgärten, raus in den Wald - die Hinwendung zur Natur ist derzeit wieder allgegenwärtig. Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten, Urlaub am Bauernhof mit echten Tieren zum streicheln und füttern, Selbstfindung bei der Alpenüberquerung. Auch in den Buchhandlungen ist dieser Boom zu spüren, Naturbücher drängen sich in den Regalen und warten auf Leserinnen und Leser. Ein besonders schönes und nebenbei einzigartiges Buch wollen wir Ihnen heute vorstellen: Alte Wege vom britischen Autor Robert Macfarlane. Er folgt Pfaden, Furten und Seewegen, die seit der Antike die menschlichen Siedlungsräume miteinander verbinden. Wie schrieb schon Flann O´Brian: "Weil die Füße auf der Straße ständig rissig werden, kommt beim Gehen eine gewissen Menge Straße auch in einen rein."

Fährten, Wege, Pfade, Deiche, Furten, Stege, Spuren - im Watt, auf Granit, über Wurzeln, im Schnee. Robert Macfarlane, dessen Nachname bereits die Wörter "weit" und "Fahrbahn" beinhalten, ist für dieses Buch viel gewandert, und er hielt oft inne, ließ Blick und Gedanken schweifen.
Zitat: Seit einiger Zeit glaube ich zu wissen, dass es zwei Fragen gibt, die wir jeder Landschaft, die uns beeindruckt, stellen sollten. Die erste: Was weiß ich, wenn ich an diesem Ort bin, was ich nirgendwo sonst wissen kann? Die zweite, auf immer unbeantwortete: Was weiß dieser Ort von mir, was ich selbst nicht wissen kann?

Der Autor erwandert sich große weite Teile Großbritanniens, er ist zwischen Oxford und Cambridge genauso unterwegs wie an Küstenstrichen in Schottland und Südengland. Er erkundet mit Freunden aber auch Wege in Ramallah im Westjordanland, pilgert parallel  des ausgetretenen Jakobsweges in Spanien und entdeckt in Tibet alte Routen zum heiligen Gipfel Kailash. Welchen Einfluss haben Gegenden auf die Lebensweise der Menschen? Wo hat wer wen verdrängt und wieso? Pfade seien die Gewohnheiten der Landschaft, schreibt Macfarlane, sie wurden aus bestimmten Gründen angelegt, wurden begangen, verlegt, erweitert, manche verschwanden, alle wirken jedoch bis heute nach. Im vorliegenden Buch werden Landschaften beschrieben, allerdings niemals ohne die soziale Wirklichkeit außer Acht zu lassen. In der Natur findet ständig Veränderung statt, gleichzeitig sorgt sie aber auch für Stabilität.
Zitat: Die Wegmarken meiner Wanderungen waren nicht nur Dolmen, Grabhügel und Hünenbetten, sondern auch das Eschenlaub des letzten Jahres (spröde in der Hand), die Fuchslosung der letzten Nacht (beißend in der Nase), der Vogelruf des Moments (schrill im Ohr), das poetische Knistern des Hochspannungsmasts und das Zischen der Pestizidspritzen.

An zahlreichen Stellen verweist der Autor auf einen seiner Lieblingsdichter, auf Edward Thomas, in dessen Gedichten das Wandern und das Erkunden immer wieder im Mittelpunkt stehen. Für Robert Macfarlane sind Edward Tomas Texte eine niemals versiegende Inspirationsquelle.
Zitat: Seine Gedichte sind bevölkert von Geistern, dunklen Gestalten und Doppelgängern, in tiefen Wäldern verlaufen Pfade ins Nichts; die Landschaften sind oft nur dünne Oberflächen, stets kurz davor aufzubrechen. Wenngleich ihn die romantische Figur des selbstbewussten einsamen Wanderers faszinierte, trieb ihn vielmehr die Frage um, wie uns die Orte, durch die wir uns bewegen, zerstören oder auch stärken können.

Ein besonders gelungenes Kapitel ist jenes mit dem Titel "Watt". Robert Macfarlane wagt sich hier auf den vermeintlich tödlichsten Weg Englands, den Broomway, einen Pfad im Schlick der Ostküste Englands, der nur bei Ebbe gefahrlos begangen werden kann. Schlammverkrustet kommen der Autor und seine Begleitung wieder an den Ausgangspunkt zurück.
Zitat: Dort, am ausgefransten Ende des Damms, am Rande der Black Grounds, standen die Markierungspfähle, und dort - auf ihrer Bank aus Seegras - hockten noch immer meine treuen Turnschuhe in stiller Erwartung. Ich zog sie an, und wir verließen Doggerland, oder welches Land auch immer wir an diesem Tag bereist hatten, traten hinter den Spiegel und auf den Deich. Noch Tage später fühlte ich mich ruhig, sanden, strahlend, glatt. 
Mit allen Sinnen wird Natur erfahren. Es ist ein wunderbares Buch, eines, das zum Gehen einlädt und zum Verweilen anregt. Ein Schritt - ein Gedanke. Das eine ist ohne das andere nicht möglich, nicht sinnvoll. Ist es ein Wanderführer? Vielleicht sind es literarische Reisereportagen. Was es mit diesem Buch auf sich hat, erschließt sich der Leserin und dem Leser nicht sofort, aber vielleicht geht es genau darum, die Geschichten, die Kapitel zu durchwandern, beim Umblättern den leisen Windhauch zu spüren, die Lerchen zu hören, die den Autor in aller Herrgottsfrühe wecken, den Rhythmus des Wanderers aufzunehmen und mitzuatmen.
Zitat: Der Kopf kann nicht umhin, dieser Linie über das Land zu folgen - nicht nur voran durch den Raum, sondern auch zurück durch die Zeit, hinein in die Geschichte des Weges und all derer, die ihn genutzt haben. Wenn ich einem Pfad folge, denke ich oft an seine Anfänge, daran, warum er wohl entstand, an die regelmäßigen Reisen, deren Zeuge er ist, und die Geheimnisse, die er bewahrt, all die Abenteuer, Begegnungen und Abschiede.

Für den österreichischen Leser zunächst etwas störend ist die Übersetzung des englischen Wortes "walk" mit dem deutschen Wort "laufen". Das nimmt dem Buch etwas von seiner Gemächlichkeit, seiner Ruhe, dem Leser aus Deutschland wird es nicht auffallen. Man muss sich etwas daran gewöhnen und sich immer wieder vergegenwärtigen, dass der Autor nicht von Ort zu Ort rennt, sondern wandert, geht, spaziert, flaniert. Abgesehen davon ist Alte Wege ungemein fesselnd geschrieben, poetisch und feinsinnig. Dieses Buch kann auf keinen Fall im Sitzen geschrieben worden sein.

Robert Macfarlane Alte Wege (aus dem Englischen von Andreas Jandl und Frank Sievers, Naturkunden 2016)