Freitag, 3. Juni 2016

Sturmwarnung.

Bücher übers Meer, Geschichten von Seeleuten, Berichte von Kapitänen - damit hat sich der kleine aber feine Hamburger Verlag Ankerherz schon eine Menge Freunde gemacht. Eng mit dem Verlag verbunden ist Kapitän Jürgen Schwandt, ein Hamburger Faktotum. Viele Jahrzehnte war er auf See, seit einigen Jahren schreibt er eine Kolumne in der Hamburger Morgenpost und ist - trotz seiner 80 Jahre - auch auf Facebook aktiv. Über 56.000 Fans hat er dort. Jetzt liegen seine Erinnerungen als Buch vor: Sturmwarnung - Das aufregende Leben von Kapitän Schwandt.

Wer dieses Buch öffnet, der hört das Meer rauschen. Und er hört Kapitän Jürgen Schwandt, mit grauem Bart und schwarzer Mütze, die Zigarette lässig im Mundwinkel, das Gesicht von Wind und Wetter zerknittert, der seine Geschichte erzählt.
Zitat: Ich bin ein Seemann. So fühle ich, so empfinde ich und so denke ich. Was ich gelernt habe, brachten mir die Ozeane und die Jahre an Bord der Schiffe bei. [...] Mein Leben war ein großes Abenteuer. 

Auf knapp 200 Seiten lässt Schwandt sein Leben Revue passieren. Berührend erzählt er - Jahrgang 1936 - von seiner Kindheit in den Trümmern eines Hamburger Arbeiterstadtteils, vom Elend und vom Hunger, vom ständigen Kampf gegen den Vater, einen überzeugten Nationalsozialisten, vom Wunsch, Seemann zu werden. 1952, im Alter von 16 Jahren heuert Schwandt erstmals an, wird Schiffsjunge auf der Argonaut.
Zitat: Wer immer sich den Namen Argonaut ausgedacht hatte - in der griechischen Mythologie ein sagenhaft schnelles Schiff -, muss betrunken, verwirrt oder der Vertreter eines besonders schwarzen Humors gewesen sein. Je nach Wetterlage, wenn zum Beispiel Sturm von vorne kam, wäre man mit einem Tretboot besser unterwegs gewesen.
Vom Schiffsjungen steigt Schwandt zum Matrosen auf, heuert auf größeren Schiffen an.

Eine Passage über den Atlantik im Dezember 1955 auf dem Frachter Franziska Sartori sollte Schwandts Leben und seine Einstellung dazu von Grund auf verändern. Wind aus Südwest mit zehn Beaufort, weiter steigend. Brecher schlagen auf Deck, das Schiff taumelt durch die meterhohen Wellen. Plötzlich ein Schlag, das Licht geht aus, die Maschinen stoppen.
Zitat: Durch den Ausgang der Kombüse trete ich hinaus aufs Achterdeck, wo mir der Orkan den Atem nimmt, es ist, als wolle er in seiner Wut alles Leben davonreißen. Das Meer und die Gischt und die Luft vermischen sich, die Sicht ist minimal. Man fühlt sich manchmal so winzig, so klein und so unbedeutend auf See, besonders aber in einem solchen Moment. In diesem Inferno, in dem einem die Macht der See bewusst wird.
Der Sturm hat Teile der Brücke zerstört, in vielen Bereichen steht Wasser, es gibt Schwerverletzte und keine Funkverbindung. 20 Minuten lang ist das Schiff im Auge des Orkans, es ist gespenstisch ruhig, schnell werden die Verletzten notdürftig versorgt, dann geht es wieder los. Schließlich gelingt es, mittels einer Notantenne ein Signal zu senden. Bange Stunden vergehen, dann taucht ein amerikanisches Kriegsschiff auf, eskortiert den angeschlagenen Frachter nach Lissabon. Erleichterung.
Zitat: Der Alkohol fließt wie niemals zuvor. Es ist keine Feier im eigentlichen Sinne, es ist eher eine Explosion, ein Schrei nach Leben, der drei Tage dauern soll. Von umgerechnet 500 D-Mark, die jeder von uns erhielt, ist nichts übrig, als wir wieder an Bord schleichen.
Zwei andere Schiffe, die im Orkan ganz in der Nähe unterwegs gewesen waren, sind spurlos verschwunden.

Dieses Kapitel ist wohl das Herzstück des Buches, spannend, ehrlich und mitreißend geschrieben sind aber auch die anderen, über Reedereien, Prostitution, Alkoholismus oder maritimen Aberglauben. Ab 1966 fährt Schwandt als Kapitän zur See, wird später Chef des Wasserzolls in Hamburg. Schreibt eine Kolumne für die Hamburger Morgenpost, entdeckt die Neuen Medien. Er kommentiert seinen eigenen Alltag, wundert sich über die Generation Wischfinger, wettert gegen Pegida und AfD, gegen Rassismus und Vorurteile, nimmt sich kein Blatt vor den Mund.
Zitat: Auf meinen Reisen habe ich überall auf der Welt gute Menschen kennengelernt. Und auch ein paar Arschgeigen. Das hat nichts mit Hautfarbe, Pass oder Religion zu tun.
Sich selbst beschreibt Schwandt als einen der alten Schule, nimmt sich und sein Alter aber nicht ganz so ernst.
Zitat: Sich die grauen Haare wegfärben, aber heimlich aus der Schnabeltasse nippen? Tuning für den Rollator? Kommt nicht in Frage. Damit das geklärt ist: Ich bin kein Senior. Ich bin ein alter Mann.

Das Buch ist liebevoll gestaltet und gediegen gemacht, mit Illustrationen und zahlreichen Fotos aus Schwandts privatem Archiv. Fertig gestellt haben es der Kapitän und sein Ghostwriter und Verleger Stefan Kruecken übrigens ganz stilgerecht auf einem Frachter, bei der Überfahrt von Hamburg nach Island. Dabei entstanden auch die über das Buch verteilten, sehr gelungenen Portraits des Kapitäns.
Zitat: Ich liebe es, zur See zu fahren, immer noch, das lässt einen nicht los. Früher hatte ich einen gepackten Koffer zu Hause stehen und das Seefahrtsbuch obenauf in der Schublade liegen. Nur für die Psyche. Das Meer ist mein Zuhause.

Man sollte dieses Buch nicht als e-book kaufen, auch wenn es am Bildschirm sicherlich genauso spannend zu lesen wäre - aber es wäre schade. Noch ein Tipp: Schutzumschlag entfernen und sich am wunderbar kitschigen, in Silber auf blauem Grund geprägten Verlags-Logo erfreuen. Es sind - klar - ein Herz und ein Anker.

Stefan Kruecken: Sturmwarnung – Das aufregende Leben von Kapitän Schwandt (Ankerherz Verlag, 2016)