Freitag, 17. Juni 2016

Schleppen. Schleusen. Helfen.

Die Flüchtlingssituation beherrscht weiterhin die europäischen Medien. Bilder, wie jenes des kleinen Buben, der im Mittelmeer ertrunken ist, Berichte, wie jener über die Toten, die in einem Laster im Burgenland entdeckt wurden, sind nicht vergessen. Und weiterhin flüchten täglich Tausende Menschen aus Krisenregionen, legen ihr Schicksal und viel Geld in die Hände von Schleppern. Diesem Thema widmet sich ein Sammelband, herausgegeben von der Historikerin Gabriele Anderl und dem Historiker Simon Usaty: Schleppen Schleusen Helfen – Flucht zwischen Rettung und Ausbeutung. Zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machen sich dort Gedanken über Schlepperei, Menschenhandel und Fluchthilfe – von Migrationsbewegungen des 17. Jahrhunderts über Flucht und Exil während der NS-Zeit bis zu heutigen Diskussionen über offene Grenzen. 

Ist jeder Schlepper kriminell? Was ist Fluchthilfe genau? Und wo liegt die Grenze  zum Menschenhandel? Inwiefern unterscheiden sich Fluchtbewegungen – damals und heute? Was können wir aus der Vergangenheit lernen und vor welchen Herausforderungen stehen wir in Zukunft? Diese und viele andere Fragen werden im Sammelband gestellt und auf vielfältige Weise beantwortet. Es ist ein umfassendes und ausführliches Buch, 568 Seiten dick. 36 Artikel sind versammelt, vier davon auf Englisch. Forscherinnen und Forscher aus verschiedenen Disziplinen, wie Zeitgeschichte, Politikwissenschaft, Soziologie, Migrationsforschung, Völkerrecht und Journalismus, beleuchten das Thema in seinen historischen und gegenwärtigen Ausprägungen. Im Vorwort schreibt der israelisch-österreichische Schriftsteller Doron Rabinovici:
Zitat: Unzählige wagen die Flucht, versuchen in Booten und auf Flößen über das Meer zu entkommen. Nicht wenige ertrinken dabei. Andere werden in Lastern verstaut. Hunderte erfrieren, verdursten und ersticken im Container. Sie liefern sich Schleppern aus, geraten in das Wirrwarr aus Schmugglern, Zollbeamten und Grenzgängern, weil sie sich anders nicht zu retten wissen. Sie geben ihr Letztes.

Die Texte spannen einen Bogen von Migrationsbewegungen der englischen Jakobiten in den Jahren 1688/89 und dem Mädchenhandel aus Galizien nach Südamerika um 1900 über illegale Flucht- und Schmuggelrouten während der NS-Zeit bis zu Fragestellungen zu Migrationskontrolle und dem Geschäft mit der Not in die Gegenwart. Fälle werden gegenübergestellt, wirklich vergleichbar sind sie nicht. Zu unterschiedlich waren und sind die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Umstände, die zur Flucht führten und führen. Begriffe wie Fluchthilfe, Schlepperei und Menschenhandel gelte es klar zu definieren und voneinander abzugrenzen, so die Herausgeber:
Zitat: Bereits im Rahmen der Fluchtbewegungen der Jahre 1933 bis 1945 waren einmalige oder mehrfache illegale Grenzüberschreitungen, oft in Verbindung mit anderen nicht gesetzeskonformen Praktiken wie dem Fälschen von Visa oder Dokumenten, wesentlich häufiger als allgemein bekannt. Solche Fluchtversuche konnten tragisch scheitern, vielfach erwiesen sie sich jedoch als lebensrettend. Hätte es diese Verstöße gegen bestehende gesetzliche Regelungen durch das unerlaubte Überwinden von mehr oder weniger gut gesicherten Land- und Seegrenzen nicht gegeben, wäre die Zahl der Shoah-Opfer noch um vieles höher gewesen.
Viel Raum wird naturgemäß den verschiedenen Ausprägungen von Flucht und Exilbewegungen während der Herrschaft der Nationalsozialisten gegeben. Was geschah an den Grenzen zur Schweiz, zum ehemaligen Jugoslawien, zur ehemaligen Tschechoslowakei? Welche Strategien retteten Menschenleben? Wo liegt die Grenze zwischen Ausbeutung und Rettung? Welche Namen sind heute noch bekannt und warum? Ein Beispiel ist der US-Amerikaner Varian Fry, der in der 1940er Jahren half, Künstler und Intellektuelle aus Südfrankreich zu retten.
Zitat: Sein Ziel war es, in knapp vier Wochen die Flucht bekannter Emigranten aus Kultur und Politik zu organisieren und damit ihr Leben zu retten. Zu den Begünstigten gehörten nicht nur Persönlichkeiten des Literaturbetriebes wie Heinrich, Nelly und Golo Mann, die Ehepaare Lion und Marta Feuchtwanger sowie Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel, Hertha Pauli und Walther Mehring, sondern auch politische Gegner Hitlers wie Rudolf Breitscheid und Rudolf Hilferding.
War Fry nun Schlepper? War er Fluchthelfer? Haben sich die französischen Bauern, die die Menschen über die Pyrenäen gebracht haben, bereichert? Haben sie die Not der Verfolgten ausgenutzt? War das denen, die es in die Freiheit geschafft haben, später wichtig, ob und wieviel sie für ihre Flucht bezahlt haben? Angebot und Nachfrage bestimmten und bestimmen die Preise, die allgemeine Logik eines Marktes macht auch hier nicht Halt.

Es ist ein heikles Thema, das die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in diesem Buch bearbeiten, und es gehe keinesfalls darum, die Kriminalität, die es im Kontext der Fluchthilfe immer gegeben hat und immer geben wird, schön zu reden oder zu leugnen, wird immer wieder betont. Doch dürfe es auch keine Pauschalverurteilungen geben. Die Medien spielen in dieser Frage eine wichtige, nicht zu unterschätzende Rolle.
Zitat: Im politischen Diskurs hat der Topos vom „gewissenlosen Schlepper“ einen fixen Platz. Immer wieder wird auch Schlepperei mit Menschenhandel gleichgesetzt. Dieser Diskurs ist ein wichtiger Bestandteil einer Strategie, die Flüchtlingsbewegungen nicht als eine humanitäre Aufgabe für die Zufluchtsländer, sondern als eine Bedrohung von deren innerer Sicherheit darstellt.

„Festung Europa“ ist fast täglich in den Zeitungen zu lesen. Es werden Mauern gebaut und Zäune hochgezogen. Knapp ein Drittel der Beiträge im Sammelband Schleppen Schleusen Helfen beschäftigen sich mit aktuellen Fragen. Ist das Abriegeln der Grenzen der richtige Weg? Was besagt das Völkerrecht? Welche Alternativen gibt es? Oft wirkt ein Blick in die Vergangenheit relativierend. Und so werden viele Antworten gegeben in diesem Buch, aber auch viele neue Fragen gestellt. Insgesamt ein engagiertes Buchprojekt, ein kritisches Nachschlagewerk, das einen fundierten und hochinteressanten Überblick über historische Fluchtbewegungen gibt und die aktuelle Situation einzuschätzen und zu analysieren versucht.

Gabriele Anderl, Simon Usaty (Hg.): Schleppen Schleusen Helfen – Flucht zwischen Rettung und Ausbeutung (Verlag Mandelbaum Wien 2016)