Freitag, 29. April 2016

Der Flug.

Kaum ein Buch hat in Argentinien so viel Staub aufgewirbelt wie "El Vuelo" bei seinem Erscheinen im Jahr 1995. In diesem Buch erzählt ein unmittelbar beteiligter Militär dem Journalisten Horacio Verbitsky von der Praxis, politische Gegner während der argentinischen Militärdiktatur betäubt und nackt aus Flugzeugen zu werfen, um sie verschwinden zu lassen. Verbitskys Buch sorgte in den 1990er Jahren für eine breite gesellschaftliche Debatte zu Schuld und Verantwortung. Jetzt, zum 40. Jahrestag des Militärputsches von 1976, liegt die deutsche Übersetzung im Verlag Mandelbaum vor.

Argentinien, im Jahr 1995. Ein kleiner Mann, mit Schnauzbart und großer Nase, etwa Mitte Vierzig. Er trägt eine blaue Hose, ein kurzärmeliges Hemd, und er hat eine billige Aktentasche unter dem Arm. Es ist der ehemalige Korvettenkapitän und Marineoffizier Adolfo Scilingo, erinnert sich der Journalist Horacio Verbitsky:
"Er hat mich in der U-Bahn angesprochen und sagte zu mir, ich war in der ESMA. Ich dachte, er war ein Opfer der Folterungen und sagte, meine Güte, wie schrecklich. Aber er sagte, nein, ich war bei der Marine, ich habe dazu gehört."
Die ESMA, die Mechanikerschule der Marine, war das geheime Folterzentrum der argentinischen Militärdiktatur. Der Journalist Horacio Verbitsky ist damals etwas älter als der Mann, der ihn da so unvermittelt anspricht. Und er versteht, worum es geht, nämlich um die Verbrechen an Oppositionellen, begangen in den Jahren 1976 bis 1983:
"Das war für mich eine große Überraschung, dass ein ehemaliger Militär darüber sprach, das war wirklich ein einzigartiger Moment."
Nach dieser ersten Kontaktaufnahme werden weitere Gespräche vereinbart, Scilingo stimmt zu, dass diese auf Band aufgezeichnet werden. Doch der Journalist Verbitsky ist zunächst skeptisch:
"Ich dachte, das ist eine Geheimdienstaktion, aber er gab mir seine Telefonnummer. Und als ich anrief, war seine Tochter dran und rief, Papa, da will jemand mit dir sprechen. Da dachte ich, es wird schon nicht der Geheimdienst dahinterstecken. Und nach ein paar weiteren Recherchen war ich sicher, dass er aus freien Stücken mit mir sprechen wollte."

Zehn Jahre nach dem Ende der Diktatur liegt Mitte der 1990er Jahre vieles in Argentinien noch im Dunkeln, es hat zwar bereits Untersuchungen gegeben, doch nur wenige Verurteilungen. Außerdem wurden viele der exemplarisch bestraften Kommandanten wieder begnadigt, es gelten Amnestiegesetze, die eine Strafverfolgung beinahe unmöglich machen. Dass nun einer derer, der dabei war, ein Geständnis ablegen will, könnte alles ändern. Und so kommt es zu weiteren Treffen zwischen dem ehemaligen Offizier und dem Journalisten. Es fallen Stichworte wie "Flugzeug" und "Eliminierung des Gegners", und schnell wird Horacio Verbitsky klar, dass es hier um eine ganz spezielle Methode geht, den politischen Gegner verschwinden zu lassen. Nach und nach erfährt er Details: Die Gefangenen mussten sich in einem Kellerraum versammeln, wo ihnen ein Betäubungsmittel gespritzt wurde. Dann wurden sie in die Flugzeuge gebracht:
"Ich drängte ihn dazu, mir alles zu erzählen, was er wusste, und er reagierte zurückhaltend und förmlich. Aber ich bohrte weiter und er sagte, das ist pervers, was Sie mich da fragen, darüber will ich nicht reden, lassen Sie mich gehen. Und ich sagte, hier ist nicht die ESMA, Sie können gehen, wann Sie wollen."
Ein kritischer Moment, Scilingo hätte aufstehen und gehen und seine Geschichte für immer für sich behalten können. Aber er entscheidet sich anders. Und erzählt, was in den Flugzeugen geschah. Den bereits benommenen Gefangenen wurde nochmals ein Betäubungsmittel gespritzt, dann wurden sie nackt ausgezogen. Die Luke wurde geöffnet, ein Mann nach dem anderen wurde hinausgeworfen. 20 bis 30 Personen, jeden Mittwoch, zwei Jahre lang:
"Er kam an einen Punkt, an dem er mir erzählte, dass er selbst bei solch einer Aktion fast aus dem Flugzeug gefallen wäre. Und da ging ein Ruck durch ihn hindurch, denn in diesem Moment entwickelte er Empathie mit den Opfern. Er spürte, dass das ja Menschen waren und nicht irgendwelche Objekte. Er realisierte, dass auch er einer von ihnen hätte sein können."
Ab diesem Moment öffnen sich alle Schleusen und Scilingo redet und redet. Verbitskys Fragen sind kurz und prägnant. Es schwingt Respekt mit, für das, was Scilingo tut, vielleicht sogar mehr? Verbitsky verneint vehement:
"Nein, da gab es keine Sympathie von meiner Seite. Scilingo hat immer versucht, die Distanz zu brechen, er wollte, dass wir uns duzen, aber ich blieb immer beim Sie. Einmal sagte er, Sie sagen nie, was sie dazu meinen. Da blieb ich bewusst ganz ruhig. Es ging ja darum, dass er redete. Ich wollte keine Freundschaft mit ihm, das war für mich immer ganz klar."

Es ist ein bedrückendes und erschreckendes Gespräch. Ein Gespräch, das die argentinische Geschichte und Politik maßgeblich verändert. Horacio Verbitsky veröffentlicht es in einer oppositionellen Zeitung, das Buch "El Vuelo" erscheint noch im gleichen Jahr. Erstmals decken sich die Berichte von Opfern mit jenen eines Täters:
"Die einen glaubten das, die anderen das, je nach politischer Gesinnung. Aber als Scilingo dann geredet hat - und das Ganze war ja auf Band aufgenommen worden und war im Radio und im Fernsehen zu hören - noch dazu sprach er in der Ich-Form, also: ich war dabei, ich hab das gemacht, so war das. Das hatte eine unglaubliche Wirkung auf die argentinische Gesellschaft."
Und so kommt es  endlich zu Nachforschungen. Listen von Verschwundenen werden veröffentlicht, Archive durchforstet. Im Jahr 2003, als Nestor Kirchner Präsident wurde, sind bereits rund 50 Militärs zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. 2005 bestätigt der Oberste Gerichtshof die Aufhebung der Amnestiegesetze. Bis heute gibt es rund 600 Verurteilungen, 60 Personen wurden freigesprochen, 60 Verfahren wurden eingestellt und knapp 200 liegen auf Eis und werden, sobald es neue Beweise gibt, wieder aufgenommen.

Adolfo Scilingo wird im April 2005 in Spanien verurteilt. Und wie reagiert die aktuelle argentinische Regierung unter Mauricio Macri? Horacio Verbitsky:
"Die aktuelle argentinische Regierung freut sich nicht besonders über all die Verfahren und Prozesse, aber ich bin überzeugt davon, dass sie die Entwicklung nicht aufhalten kann, weil die Gesellschaft diese Verfahren vehement fordert. Präsident Macri würde sich selbst schaden, wenn er sie komplett stoppen würde. Was er aber schon macht, ist, dass er in staatlichen Institutionen, die an der Aufarbeitung der Fälle und in der Recherche arbeiten, Mitarbeiter einspart. Das erschwert die Aufarbeitung immens und verzögert alles. So etwas wie Scilingos Geständnis hat es danach nie wieder gegeben, aber manchmal erzählt ein Militär doch sehr detailreich, was geschehen ist. Und um das zu bewerten und einzuordnen, braucht es einfach mehr Mitarbeiter. Auch wenn Macri versucht, hier einzugreifen, die ganze Sache wird er dennoch nicht stoppen können."

Es waren laut offizieller Statistik mindestens 8.900 Menschen, die während der Militärdiktatur getötet wurden, inoffiziell ist von bis zu 30.000 Toten die Rede. Die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels in der argentinischen Geschichte ist noch lange nicht abgeschlossen, Horacio Verbitskys Buch wirkt auch heute noch aktuell wie damals, spannend und penibel recherchiert gewährt es nun auch in der von Sandra Schmidt hervorragend übersetzten deutschen Version Einblicke in Methode und Praxis eines Regimes, das Tausende Oppositionelle festnehmen, verschleppen, foltern und viele von ihnen im Meer verschwinden ließ.

Horacio Verbitsky Der Flug - Wie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ (aus dem Spanischen von Sandra Schmidt, Mandelbaum 2016)

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