Dienstag, 1. Dezember 2015

Ich räume auf. Kontextgeschichten...

Damit es nicht so ausschaut, als ob ich dieses Jahr nur eine TV-Dokumentation und ein Buch gemacht hätte... Dem ist nicht so, denn auch für verschiedene Ö1-Sendungen habe ich gewerkt, Journal Panorama, Dimensionen, Kontext. Hier eine Auswahl meiner Buchbesprechungen aus dem vergangenen Jahr:

Die Alpen.

Ein Buch über die Alpen. Aber gibt es da nicht schon genug? Wer im Online-Versandhaus das Wort Alpen eingibt, bekommt über 17.000 Vorschläge. Bildbände, Wanderführer, Romane und Krimis – Alpen für Anfänger, Fortgeschrittene, Mountainbiker, Motorradfahrer, Schwammerlsucher oder Gipfelstürmer. Dennoch hat der Reclam Verlag beim renommierten Alpen-Forscher Jon Mathieu ein Alpen-Buch in Auftrag gegeben. Raum – Kultur – Geschichte, so lautet der Untertitel. Hauptaugenmerk liegt auf der tiefen Verbindung zwischen Mensch und Natur in dieser besonderen Kulturlandschaft, die sich von Frankreich über Italien und die Schweiz bis tief nach Österreich zieht.

Wer dieses Buch in die Hand nimmt, will es so schnell nicht wieder weglegen. Allein der Einband ist ein haptisches Erlebnis. Fast ist der raue Fels zu ertasten, der am Cover zu sehen ist, fast scheint man die Kühle des Nebels zu spüren, der zwischen den Steinwänden hervortritt, fast ist man versucht, zärtlich über die sattgrüne Wiese zu streichen. Abgebildet ist die hohe Gaisl in Südtirol. Das fängt schon einmal gut an. Und es geht gut weiter, denn auch auf den ersten Seiten taucht der Betrachter ein in die herrliche Bilderwelt der Alpen, saftige Wiesen, zerklüftete Felswände, eiskalt rauschende Gebirgsbäche.

Zitat: Am 4. Oktober 1792 erblickte Alexander von Humboldt bei Traunstein in Bayern erstmals die Alpen. Das Gebiet sei „hyperinteressant“, schwärmte der junge adlige Naturforscher. Allerdings behindere das Wetter gegenwärtig seine Bergbaustudien – doch: „Die Gegend hier ist göttlich. Ich glaubte noch nie Gebirge gesehen zu haben, so ist hier alles anders. Lauter Alpengebirge, Pyramide auf Pyramide gehäuft.“

Der Autor nähert sich diesen außergewöhnlichen Bergen in zehn Kapiteln, wobei das erste einen Überblick über den Grenzraum, Durchgangsraum und Lebensraum der Alpen gibt. Diese drei Stichwörter finden sich in den folgenden Kapiteln, die an sich streng zeitlich-historisch gegliedert sind, immer wieder. Die Beziehung zwischen Mensch und Natur prägten und prägen diese Landschaft. Schon der Feldherr Hannibal überschritt die Alpen mit seinem Gefolge inklusive Elefanten, später galten die Alpen als schier unüberwindbare Grenzen, heiß umkämpft war jeder Gipfel, etwa im Ersten Weltkrieg.

Zitat: Die italienisch-österreichische Front verlief auf 600 Kilometern vom Stilfser Joch durch den Ostalpenraum bis vor Triest, zum Teil im eigentlichen Hochgebirge. Wie an anderen Fronten des Ersten Weltkriegs begann nun ein hartnäckiger, mörderischer Stellungskrieg. Fast ohne Rücksicht auf Menschenleben und topografische Gegebenheiten mussten die Soldaten um kleinste Territorialgewinne kämpfen. Die Militärführungen stationierten sie bis in Höhenlagen von 3500 Metern, wo sie extremen Witterungsbedingungen ausgesetzt waren.

Erst die Friedensverträge von 1919 machten den Kämpfen ein Ende. Es ist bis heute nicht klar, wie viele Menschen damals ums Leben gekommen sind. Die Alpen spielen auch bei späteren Konflikten eine zentrale Rolle: im Nationalsozialismus, als Heimat und Berge meist in einem Atemzug genannt werden, und der Alpenverein einen unrühmlichen Part spielt, oder, auf der anderen Seite des Gebirgszuges, als sich die Südtiroler gegen die Zwangs-Italianisierung wehren.

Doch die Alpen waren nicht nur Schauplatz blutiger Schlachten, hier wurde und wird gearbeitet, Handel getrieben und vor allem gelebt.

Zitat: Was ist eine Stadt? Und was ein bloßer Markflecken oder ein Dorf? In den Alpen, wo sich mehrere Kulturen begegneten, findet diese Frage vielleicht noch weniger eine eindeutige Antwort als an anderen Orten. Auf einer Reise von München nach Verona nahm ein deutscher Beobachter 1497 zwanzig Städte wahr. Als ein Italiener wenige Jahre später die gleiche Strecke in umgekehrter Richtung zurücklegte, bezeichnete er dagegen nur zwei Orte als Städte, nämlich die Bischofssitze Trient und Brixen.

Die Berghänge waren den Menschen schon immer Lebensraum, brave Lasttiere erledigten die härteste Arbeit, den Bergen wurde abgetrotzt, was die Menschen zum Leben brauchten. Steile Wiesen wurden bewässert, Stollen in den Fels getrieben. Löcher wurden gebohrt, um lange Wege über Pässe zu verkürzen.

Immer wieder geht es dem Autor um die Wahrnehmung dieser außergewöhnlichen Kulturlandschaft. Wie und warum werden wir inspiriert – zu Musik, Malerei oder sportlicher Betätigung?

Zitat: Der Skilauf, der bald zur dominierenden Sportart wurde, verbreitete sich besonders schnell in Österreich. Seit etwa 1880 unternahmen Einzelpersonen an verschiedenen Orten Versuche mit Skiern. Oft waren es begüterte und begeisterte Städter. Bald wurden auch Skiclubs gegründet und erste Wettkämpfe veranstaltet, besonders im Rahmen von mehr oder weniger kommerziellen Wintersportfesten.

Dem Alpinismus im Wandel der Zeiten wird in verschiedenen Kapiteln viel Aufmerksamkeit geschenkt. Und auch der Frage, wie Tourismus und Ökologie zusammenhängen. Naturschutz versus Wirtschaft. Urlauberkolonnen und überfüllte Skigebiete versus Wiederbewaldung und nachhaltige Landwirtschaft. Faszinierend sind diese Berge allemal.

Zitat: Trotz aller historischen Narben stehen da weiterhin mehr als achtzig Viertausender, die uns von ferne zulächeln.

Dieses Buch macht Freude. Denn es bietet viel Information, es ist kompakt und übersichtlich, man kann es immer wieder zur Hand nehmen, darin blättern und ein Kapitel lesen. Die teilweise historischen Fotografien und anderen Abbildungen, wie Werbeplakate aus den 1930er Jahren oder Illustrationen der alpinen Tierwelt, entstanden bei einer Expedition im Jahr 1742, sind sorgfältig ausgewählt und zeichnen ein lebendiges Bild dieser vielfältigen Landschaft und der Bewältigung des Lebens in derselben. Ein weiteres Buch über die Alpen? Ja, schon - aber ein durchaus gelungenes.

Jon Mathieu Die Alpen. Raum – Kultur – Geschichte (Reclam, 2015)

Wie man ein Baske wird

Das Baskenland: ein Gebiet im spanisch-französischen Grenzland, am Golf von Biskaya gelegen. Bei uns ist das Land vor allem durch die Terror-Organisation ETA bekannt, erst im November 2011 wurde ein Waffenstillstand vereinbart, im Februar vor einem Jahr wurde mit der Entwaffnung der ETA-Kämpfer begonnen. Seit einigen Jahren ist es ruhig geworden im Baskenland, es ist geprägt von Wirtschaft und Tourismus. Doch was macht dieses Land aus, in dem eine rätselhafte und eigenartige Sprache gesprochen wird, die keiner anderen in Europa ähnlich ist? Was macht den Basken zum Basken? Ibon Zubiaur hat versucht, der eigenen Identität in seinem Essay Wie man Baske wird auf die Spur zu kommen.

Zitat: Während meiner Schulzeit habe ich an einem kollektiven Experiment teilgenommen. So beginnt Ibon
Zubiaur, Jahrgang 1971, seinen Text Wie man Baske wird – Über die Erfindung einer exotischen Nation. Denn es war genau diese Zeit, also die Schulzeit, die den Autor geprägt und dafür gesorgt hat, dass dieser sich – obwohl seine Muttersprache Spanisch ist - seiner baskischen Herkunft ständig bewusst war.

Zitat: Meine gesamte Schullaufbahn, von der frühesten Kindheit bis zu meinem 18. Lebensjahr, habe ich auf Baskisch absolviert. In meiner Klasse gab es kein einziges Kind, das zu Hause Baskisch gesprochen hätte, und soweit ich weiß, gilt dies für meinen ganzen Jahrgang.

Dieses soziologische Experiment, wie Zubiaur es an anderer Stelle in seinem Text nennt, sei Teil des Versuchs der Baskisch-Nationalistischen Partei gewesen, die Gesellschaft nach dem Tod des Generalísimo Francisco Franco im Jahr 1975 wieder auf Nationalismus einzuschwören. Als Begründer dieses Nationalismus gilt der Schriftsteller und Politiker Sabino Arana, der dem Land Ende des 18. Jahrhunderts mit einer eigenen Fahne, Hymne und vor allem einer Wiederbelebung der baskischen Sprache eine neue exotische Identität verpasste. Wofür es kein baskisches Wort gab, dafür wurde flugs ein neues erfunden, oftmals weit hergeholt – immer aber mit dem Hintergedanken, sich möglichst vom Spanischen abzusetzen. Ibon Zubiaur gibt ein Beispiel: die Toilette heißt auf Baskisch „komuna“.

Zitat: Das ist schlechthin genial: Statt das Verborgene, das Schamhafte, das Private zu unterstreichen, betont man umgekehrt das Allgemeine, die Tatsache, dass es sich bei einer Schultoilette um einen Ort handelt, den viele besuchen, der gemeinschaftlich ist.

Die genauen Ursprünge der baskischen Sprache sind auch heute noch nicht ganz erforscht, es dürfte sich aber um eine der ältesten Sprachen Europas handeln. Rund 800.000 Menschen sprechen heute Baskisch, mehr oder weniger gut, wie der Autor anmerkt.

Doch zurück in die 1980er Jahre: Da wurde Baskisch verpflichtend zur alleinigen Unterrichtssprache erhoben. Nur spanische Literatur durfte auf Spanisch unterrichtet werden. Das Dilemma an der Sache: Auch die Lehrerinnen und Lehrer sprachen Baskisch damals eher für den Hausgebrauch, Fachvokabular entnahm man dem Wörterbuch, Schulbücher mussten erst noch geschrieben werden, baskische Literatur war und ist auch heute noch kaum vorhanden.

Zitat: Freilich machten sich die Basken zwar als zuverlässige Beamte, vor allem als Seemänner und Konquistadoren einen Namen, nicht aber als Literaten. Der große baskische Roman, das gewaltige Panorama der neueren Geschichte dieses kleinen Landes, ließ lange auf sich warten: Erst Anfang des 21. Jahrhunderts wurde er von dem achtzigjährigen, fast in Vergessenheit geratenen Ramiro Pinilla geliefert – natürlich auf Spanisch.

Neben der ungewöhnlichen Sprache sind es auch die Namen, die aus einem Spanier einen Basken machen: Ibon Zubiaur reist durch die Geschichte der Phonetik und der Lautverschiebung und die dem Baskischen innewohnenden Absurditäten. Der bereits genannte Sabino Arana ließ auch hier seiner Fantasie freien Lauf, Hauptsache der Name unterschied sich vom Spanischen. So sei auch Ibon, der Vorname des Autors:

Zitat: …eine etymologisch mehr als dubiose Übertragung des französischen Yvon oder auch des slawischen Ivan, schließlich des lateinischen Ivan (Deutsch meist Johann, Spanisch Juan). Da es im Baskischen kein „v“ gibt, hat Sabino (der nur Spanisch beherrschte und deshalb „v“ und „b“ als gleichklingend betrachtete) daraus ein „b“ gemacht; so entstand um 1900 mein Vorname. Als meine Eltern mich im Jahre 1971 im Standesamt ordnungsgemäß anzumelden versuchten, stießen sie auf den erbitterten Widerstand einer berüchtigten Beamtin, der „Ibon“ zu fremd und unspanisch klang.

Der Name des Autors musste mit „v“ registriert werden, erst nach dem Tod Francos erfolgte die Änderung zu Ibon.

Spannend sind dann die Kapitel mit den Titeln „Rasse“ und „Geschichte“. Hier geht der Autor einmal mehr auf den baskischen Nationalismus ein, erklärt, welchen Stellenwert Abgrenzung bei der Schaffung der baskischen nationalen Identität erhalten hat, verortet ihn im europäischen Kontext, schafft historische Verbindungen zur Terror-Organisation ETA, ohne sich jedoch lange mit den Taten der Organisation zu beschäftigen. Und das ist in diesem Buch aufgrund des subjektiv-sarkastischen Zuganges eine durchaus positiv zu bewertende Entscheidung des Autors.

Ibon Zubiaur hat mit Wie man Baske wird ein knapp 90 Seiten schmales Büchlein vorgelegt, das informiert und amüsiert – und das wohl auch die eine oder andere unbequeme Wahrheit ausspricht. Der Autor, der seit einigen Jahren in Deutschland lebt, hat den Text auf Deutsch geschrieben. Es ist ein durchaus entspannter Blick von außen auf die eigene und die Kultur der Elterngeneration. Als was fühle er sich nun? Als Spanier oder als Baske? Immer wieder werde er das gefragt, schreibt er. Er sei Athletic Bilbao-Fan, sei dann seine Antwort. Und das ist ganz und gar nicht spöttisch gemeint. Wer es verstehen will, dem sei die kurzweilige und vergnügliche Lektüre des Essays ans Herz gelegt. Die Auflösung gibt’s im letzten Kapitel.

Ibon Zubiaur Wie man Baske wird. Über die Erfindung einer exotischen Nation (Berenberg 2015)

101 Fragen zu Einwanderung und Asyl.

Asyl, Exil, Flüchtlinge – darüber wird ob der heiklen Situation in Europa derzeit nicht nur in der Politik heftig gestritten und leidenschaftlich diskutiert. Oft geschieht das allerdings auf der Grundlage von Halbwahrheiten, zugespitzten Argumenten und Dingen, die man nur vom Hören-Sagen kennt. Da hilft es, wenn man sich über die tatsächlichen Zahlen und Fakten informiert, wenn man sich mit den Hintergründen auseinandersetzt. Karl-Heinz Meier-Braun, Integrationsbeauftragter des Südwestrundfunks und Professor für Politikwissenschaft an der Universität Tübingen hat 101 Fragen und Antworten zu Einwanderung und Asyl in einem lesenswerten Buch zusammengefasst.

Es ist ein schmales Buch, das Karl-Heinz Meier-Braun hier vorlegt. Doch es ist prall gefüllt mit Informationen. 101 Fragen werden gestellt, und 101 Mal wird kompetent und verständlich geantwortet. Das Buch beginnt mit Fragen zur Statistik, dann geht es um geschichtliche Hintergründe, Grundlagen, Rechtsfragen, Kontroversen und Konflikte, und endet schließlich mit Fragen zur Zukunft der Asylpolitik. Italiener, Spanier und Portugiesen, Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus der Türkei – sie alle suchten und suchen ihr Glück in Deutschland. Jetzt kommen Menschen aus dem Irak, aus Afghanistan und vor allem aus Syrien.

Zitat: Deutschland ist schon wieder Weltmeister – zumindest was seine Rolle als Einwanderungsland angeht. Die Zahl der Ausländer hat mit 8,2 Millionen zum Jahresende 2014 eine Rekordmarke erreicht. Nach den USA ist Deutschland das zweitbeliebteste Zielland innerhalb der OECD, also innerhalb der reichen Industrienationen.

Beleuchtet wird in diesem Buch aber auch die Rolle der Medien: denn Zeitungen, Radio und Fernsehen bilden oft nicht das ab, was tatsächlich passiert, sie zeigen Ausschnitte und, je nach dem, verstärken oder entkräften damit Vorurteile. Warum kommen die Menschen eigentlich nach Europa? Weil sie auf der Suche nach Sicherheit und besseren Lebensbedingungen sind.

Zitat: Man spricht von Push- und Pull-Faktoren. Überbevölkerung, Hunger und Missernten oder andere Notlagen sind beispielsweise Push-Faktoren, die zur Auswanderung zwingen. Sicherheit vor politischer Verfolgung oder die Aussicht auf bessere Verdienstmöglichkeiten sind Pull-Faktoren, die die Menschen anziehen. Die Grenze zwischen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gründen, seine Heimat verlassen zu müssen, sind in der Realität oft fließend.

Wichtige Schlagwörter wie Migration und Integration, Dublin III und FRONTEX werden erklärt. Was ist der Königsteiner Schlüssel, nach dem Flüchtlinge in den deutschen Bundesländern verteilt werden? Was die Genfer Flüchtlingskonvention, das wichtigste internationale Dokument zum Schutz der Flüchtlinge mit all ihren Rechten und Pflichten? Und was wäre Deutschland ohne Ausländer?

Zitat: Deutschland hätte schlagartig über acht Millionen Menschen weniger, wenn es keine Ausländer im Lande geben würde. Falls alle mit Migrationshintergrund das Land verlassen würden, fehlten 16,5 Millionen Einwohner. Man müsste plötzlich auf 50 Milliarden Euro an Steuereinnahmen im Jahr verzichten. Viele Branchen wie in der Gastronomie oder in der Automobilwirtschaft würden zusammenbrechen, das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 8 Prozent sinken.

Ganz wichtig ist die Unterscheidung zwischen Arbeitsmigranten, also Gastarbeitern, und Asylwerbern und Kriegsflüchtlingen. Das Buch hat den Informationsstand vom Juli 2015, mittlerweile wurde es zwar von der Gegenwart und der Flüchtlingsbewegung über den Balkan durch Österreich und nach Deutschland eingeholt beziehungsweise überholt, die allermeisten Statements sind aber weiterhin gültig. Besonders spannend sind die Antworten auf die Fragen nach der Zukunft, nach Integration und multikultureller Gesellschaft. Der Autor verweist auf Aussagen des Politikwissenschaftlers Dieter Oberndörfer:

Zitat: Wer die Integration der Ausländer in die deutsche Kultur fordert, müsse erst einmal die Frage beantworten können: Was ist eigentlich ein integrierter Deutscher? Die Integration von Migranten ohne Akzeptanz kultureller Verschiedenheiten durch die Mehrheit ist nicht möglich.

Eine der längsten Antworten im Buch gibt es auf die kurze Frage: Versagt Europa in der Flüchtlingspolitik?

Zitat: Europa wird auf Dauer mit dem „Weltflüchtlingsproblem“ leben müssen, für das es keine kurzfristige Lösung gibt. Das heißt aber nicht, dass man nichts tun kann. Im Gegenteil, verstärkte Anstrengungen in der Außen- und Entwicklungspolitik sowie in der Migrations- und Flüchtlingspolitik, die weit über das Strategiepapier der Kommission hinausgehen, sind dringend notwendig. Allerdings werden solche koordinierten Maßnahmen seit Jahren angekündigt, ohne dass sich viel geändert hat.

Ist jeder Flüchtling ein Wirtschaftsflüchtling? Und wird so das deutsche Sozialsystem unterwandert? Wird Deutschland islamisiert? Der Autor zeigt auf, dass es mit dem Wissen der Deutschen über Muslime und den Islam nicht weit her ist. Es überwiegt eine Art Grundangst vor allem Fremden. Sie ist für ihn unbegründet.

Zitat: Nach einer Umfrage aus dem Jahre 2009 leben rund vier Millionen Muslime in Deutschland. Bei einer Einwohnerzahl von 80,6 Millionen beträgt ihr Bevölkerungsanteil etwa 5 Prozent. Rund die Hälfte hat die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen.

Doch dieses Buch gibt nicht nur Antworten auf die brennendsten politischen Fragen, es beschäftigt sich auch intensiv mit den Auswirkungen und Einflüssen der Migrantinnen und Migranten auf Kultur, Kunst, Literatur und auf die Essgewohnheiten. Neben dem türkischen Kebab haben es den Deutschen vor allem italienische Speisen angetan, die die Italiener ins Nachkriegsdeutschland brachten.

Zitat: Heute kaum zu glauben, aber wahr: Damals waren Spaghetti in Deutschland noch ungekannt. Inzwischen sind ganze Generationen damit aufgewachsen. Aber auch Mozzarella, Basilikum, Cappuccino, Melanzani und Zucchini galt es damals noch zu entdecken. Und noch
allerlei kuriose Fragen werden in diesem Buch beantwortet. Hatte Goethe türkische Vorfahren? Die kurze Antwort lautet „ja“. Und wäre Deutsch beinahe zur Amtssprache in den USA geworden? Nun, das hält sich hartnäckig als Legende. Und was wurde aus dem einmillionsten Gastarbeiter und seinem Moped? Der Portugiese Amando Rodrigues de Sá, der im September 1964 nach Deutschland kam, und der als Willkommensgeschenk ein Moped erhielt, ist nach Portugal zurückgekehrt und 1979 gestorben, das Moped steht im Haus der Geschichte in Bonn.

Trocken und sachlich arbeitet sich Karl-Heinz Meier-Braun durch den Dschungel an Informationen, stellt richtig, kommentiert, belegt seine Aussagen mit Fakten. Dieses Buch passt in jedes Bücherregal und es lohnt sich, es immer wieder zur Hand zu nehmen, um Detailfragen zu klären – im Sinne einer fundierten und faktenorientierten Diskussion.

Zitat: Die Mehrzahl der Menschheit bleibt in der angestammten Heimat und wandert nicht aus, obwohl es oftmals anders aussieht.

Karl-Heinz Meier-Braun Einwanderung und Asyl. Die 101 wichtigsten Fragen (C.H.Beck 2015)

Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt.

Ist gewaltfreier Widerstand tatsächlich die wirksamste Art von Widerstand? Der Aktivist Srdja Popovic ist davon überzeugt. Die von ihm mitbegründete serbische Widerstandsbewegung Otpor! hat im Oktober 2000 Slobodan Milosevic gestürzt. Seither ist Popovic ein Aushängeschild für den friedlichen Protest gegen Krieg, Diktatur und soziale Ungerechtigkeit, berät weltweit Bürgerrechts- und Widerstandskämpfer. Jetzt hat er seine Erfahrungen in einem Buch mit dem Titel Protest. Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt zusammengefasst.

Zitat: Wer eine Revolution plant, bucht keine Pauschalreise.
Es ist harte Arbeit, Widerstand gegen die Obrigkeit zu leisten. Egal, ob gegen den Bau eines Einkaufszentrums, gegen die Diskriminierung einer Bevölkerungsgruppe oder gegen einen übermächtigen Diktator gekämpft wird. Herausforderungen gilt es zu überwinden, der Angst gilt es sich zu stellen. Denn wer gewaltfrei demonstriert, riskiert nicht selten sein Leben.

Zitat: Aber wenn es darum geht, gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken, dann ist es oft ausgerechnet der Typ mit der Waffe in der Hand, der scheitert.

Davon ist der Autor überzeugt. Und erzählt von seinem eigenen Weg zum friedlichen Protest. Begonnen hat für ihn alles 1992: Serbien befand sich im Krieg, Belgrad war voller Soldaten. Und da spielte eine beliebte Punkband im Zentrum der Stadt, machte sich über den Militarismus lustig.

Zitat: Während ich johlend hinter dem Lastwagen herlief, durchzuckte mich eine Reihe von Erkenntnissen. Mir wurde klar, dass politischer Aktivismus nicht langweilig sein muss, sondern dass ein Protest in Form eines coolen Punk-Konzerts im Gegenteil effektiver war als eine öde Demonstration.

Srdja Popovic gründete einige Jahre später gemeinsam mit anderen die Bewegung Otpor!, also Widerstand. Und setzte der Angstmache von Diktator Slobodan Milosevic witzige Aktionen entgegen. Wie etwa das Grinsefass: Ein Blechfass mit dem Konterfei des Regierungschefs und ein Baseballschläger wurden in einer Belgrader Straße platziert, mit der Aufforderung an die Passanten, sich keinen Zwang anzutun und fest draufzuhauen. Viele taten das, bis die Polizei kam. Und die stand schließlich vor einem Dilemma: Sollten sie wirklich Passanten verhaften, die auf ein Fass einschlugen?

Zitat: Damit blieb nur die zweite Möglichkeit: die Verhaftung des Fasses. Die Polizisten drängten also die Passanten zurück, nahmen das Fass in die Mitte und schleppten es zum Streifenwagen. […] Unser Witz landete auf der Titelseite zweier oppositioneller Zeitungen, und das war buchstäblich unbezahlbare Werbung. Das Bild sagte mehr als tausend Worte: Wer es sah, wusste, dass Milosevics gefürchtete Polizei nicht mehr war als ein komischer Haufen unfähiger Trottel.

Eine skurrile kleine Aktion, ähnlich jener 2012 in Russland, als in einer sibirischen Stadt eine Demonstration gegen Wahlbetrug verboten wurde. Doch wenn die Menschen nicht demonstrieren durften, dann eben die Lieblingsspielsachen ihrer Kinder.

Zitat: Die Spielfiguren trugen kleine Schilder, Pinguine protestierten gegen Korruption, Elche gegen Wahlbetrug.

Die Aktion sorgte für Schmunzeln, schaffte es in zahlreiche Medien. Bis die Behörden eingriffen.

Zitat: Die Kreml-Bürokratie beschloss, den Spielzeugdemonstrationen ein für alle Mal einen Riegel vorzuschieben. In einer Lokalzeitung informierte die Regierung die Bürger über ein Versammlungsverbot für unbelebte Gegenstände.

Mit Satire und Witz gerät der Mächtige in die Position des lächerlichen, humorlosen Verlierers. Das ist das große Potenzial dieser Art des friedlichen Widerstandes. Besonders wichtig: die genaue Planung.

Zitat: Wie in Komik, Sport und Sex ist Timing auch beim politischen Aktivismus alles, und zwar aus mehreren Gründen. Die Menschen sind launisch, abgelenkt und irrational. Wenn man sie anspricht, während sie gerade mit etwas anderem beschäftigt sind, ist die beste Planung vergebens. Wenn man sie aber im richtigen Moment erwischt, dann ist der Erfolg so gut wie sicher.

Pointiert und gerade heraus, so schreibt der Autor, er nimmt sich weder sprachlich noch politisch ein Blatt vor den Mund. Wendet sich immer wieder direkt an seine Leserschaft. Zuweilen wird das Ganze jedoch fast zu emotional, zu persönlich – da hat sich einer viel von der Seele geschrieben. Dennoch macht das Buch Mut, denn es erzählt von Menschen, die sich etwas getraut haben. Auch wenn einige schließlich vorerst gescheitert sind, wie in Syrien, aber auch in Ägypten, Israel und der Ukraine nach der Orangen Revolution im Jahr 2004.

Zitat: Das passiert meist dann, wenn sie sich ihres Sieges zu sicher fühlen, wie ein Läufer, der kurz vor der Ziellinie in Führung liegt und schon seinen Triumph auskostet, um dann buchstäblich auf dem letzten Meter von einem Konkurrenten überholt zu werden.

Es gehe darum, den Sieg zu überstehen, so der Autor, Visionen zu entwickeln und Strategien zu finden, um das Erreichte nicht wieder zu verlieren.

Zitat: Natürlich ist die Verhinderung von Gegenrevolutionen, der Aufbau einer demokratischen Regierung, die Durchführung freier und fairer Wahlen und die Errichtung stabiler Institutionen nicht mehr so prickelnd wie der fröhliche Protest gegen einen durchgeknallten Diktator oder Bürgermeister. Aber erfolgreiche Bewegungen müssen Geduld aufbringen und auch dann noch hart arbeiten, wenn die Scheinwerfer abgebaut und die Kameras zur nächsten Geschichte weitergezogen sind.

Nicht jede Leserin und jeder Leser wird nach der Lektüre zum Revoluzzer werden, doch die Geschichten und Erfahrungen von Srdja Popovic regen zum Nachdenken an. Der Umgang mit Flüchtlingen und Menschenrechten - Korruption - Freunderlwirtschaft zu bekämpfen gibt es stets etwas. Und es sind eben oft schon ganz kleine Aktionen, die zum Erfolg führen.

Srdja Popovic Protest – Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt (aus dem Englischen von Jürgen Neubauer, Fischer 2015)

Der Churchill-Faktor.

Heuer im Jänner jährte sich der Todestag eines großen Staatsmannes zum fünfzigsten Mal: Winston Churchill starb am 24. Jänner 1965 in London. Und wenn in Großbritannien jedes Jahr Dutzende Bücher über den Querdenker und Exzentriker Churchill erscheinen, so sind es heuer wohl noch um eine Handvoll mehr. Eines davon hat ein anderer Querdenker und Exzentriker geschrieben, der Londoner Bürgermeister Boris Johnson.

Boris Johnson, das Enfant terrible der britischen Konservativen, der mit der blonden Sturmfrisur und dem losen Mundwerk, ist ein Bewunderer Churchills, das wird bereits in der Einleitung klar.

Zitat: In meiner Kindheit bestand nicht der geringste Zweifel daran: Churchill war der wohl größte Staatsmann, den Großbritannien jemals hervorbrachte. Schon als kleiner Junge hatte ich eine recht konkrete Vorstellung von dem, was er geleistet hat. Er hatte mein Land trotz aller Widrigkeiten und gegen den abscheulichsten Tyrannen, den die Welt jemals gesehen hatte, zum Sieg geführt.

Und die Begeisterung setzt sich bis zur letzten Seite fort. Johnson erzählt von Churchills Kindheit und Jugend, von der schwierigen Beziehung zum Vater, von der Leidenschaft fürs Fliegen und von den dramatischen Beinahe-Abstürzen. Viel Raum nimmt freilich das Jahr 1940 ein, als sich Churchill gegen Hitler stellte. Johnson besucht das Haus, in dem Churchill geboren wurde, das Arbeitszimmer, das Büro des Kriegsministers. Streut Anekdoten ein und lässt den Leser immer wieder die Bewunderung der jungen konservativen Abgeordneten für den großen Staatsmann spüren.

Zitat: Wenn sie es tatsächlich ins Parlament schaffen, fahren sie ehrfürchtig mit dem Finger an der linken Schuhspitze der Bronzestatue entlang, die in der Lobby für Abgeordnete steht - als hofften sie, etwas von seinem Genie könne sich auf sie übertragen, ehe sie ans Rednerpult gerufen werden.

Besonders gelungen ist das Kapitel über Winston Churchill, den Redner, der anfangs ganz und gar nicht begnadet war.

Zitat: Wie wir sehen werden, sprach der größte Redner der Moderne nicht immer fließend, geschweige denn gut.

Behutsam und akribisch verfolgt Johnson den Weg Churchills von ersten misslungenen Referaten bis hin zu seinen auch heute noch vieldiskutierten Radioansprachen, vergleicht Churchills Rhetorik mit der Hitlers.

Zitat: Hitler zeigte, wie viel Böses man mit Hilfe der Redekunst anrichten konnte. Churchill zeigte, wie sie dazu beitragen konnte, die Menschheit zu retten. Es hieß einmal, der Unterschied zwischen Hitlers Reden und Churchills Reden sei, dass Hitler einen glauben ließ, er könne alles bewerkstelligen; Churchill hingegen vermittelte einem den Glauben, dass man selbst alles tun könnte.

Berührend ist das Kapitel mit dem Titel "Das Herz am rechten Fleck". Es beginnt mit Johnsons Besuch auf dem Friedhof, er ist aber nicht auf der Suche nach Churchills Grab, sondern nach dem von dessen Kindermädchen Elizabeth Ann Everest. Dieser Frau war der junge Winston sehr zugetan, ließ sie als Jugendlicher nicht gehen, kümmerte sich um sie, als sie krank wurde, organisierte und zahlte dann das Begräbnis.

Churchills Verhältnis zu Frauen wird immer wieder angesprochen. Die Liste seiner Flirts und Liebeleien sei lang, schreibt Johnson, aber:

Zitat: Einige Leute gehen so weit zu behaupten, dass es keinerlei Hinweise gebe, dass Churchill im Alter von 33 Jahren schon einmal Geschlechtsverkehr hatte.

Jedenfalls heiratete Churchill zu diesem Zeitpunkt Clementine, und bekam mit ihr fünf Kinder. Doch im Lauf seines Lebens zeigten sich immer wieder sexistische Tendenzen, etwa in seinem Widerstand gegen das Frauenwahlrecht. Und auch bei anderen Gelegenheiten:

Zitat: Ja, es stimmt auch, dass er nach heutigen Maßstäben ein ziemliches Chauvinistenschwein war, zumindest in theoretischer Hinsicht; daran gibt es keinen Zweifel. Nancy Astor war die erste Frau, die ins britische Unterhaus gewählt wurde, und als sie ihn im Jahr 1919 fragte, warum er sich ihr gegenüber so kühl und unfreundlich verhalte, gab er diese psychologisch aufschlussreiche Antwort: "Ich habe das Gefühl, dass Sie mein Bad betreten haben, und mir bleibt zur Verteidigung nur ein Schwamm."

Ein ganzer Schwung an Helfern hat die Informationen zu diesem Buch zusammengetragen, lange Foto-Strecken, eine Zeittafel, Bibliografie, zahlreiche Anmerkungen und ein Register vervollständigen es. Doch was das alles zusammenhält, ist Johnsons Fabulierlust und erzählerisches Können. Seine Sprache ist pointiert, frech und rotzig, er bezeichnet Hitler und Himmler als satanische Bande, und auch die Franzosen bekommen ihr Fett ab.

Zitat: Die französischen Generäle boten ein jämmerliches Bild: weißhaarige Tattergreise mit ihren Käppis à la Inspektor Clouseau.

Was kommt also heraus, wenn ein Enfant terrible über ein anderes Enfant terrible schreibt? Der eine, der gerne Premierminister wäre, der andere, der der wohl populärste Premier Großbritanniens war? Britische Medien und Literaturkritiker haben dem Autor vorgeworfen, dass das Buch doch weniger der "Churchill-Faktor" sondern vielmehr der "Johnson-Faktor" heißen müsse. Johnson selbst kokettiert an so mancher Stelle mit dem Vergleich zwischen Churchill und seiner Person.

Zitat: Die Wahrheit ist: Ich liebe es zwar, über Churchill nachzudenken und zu schreiben, aber der alte Knabe wirkt mitunter etwas einschüchternd auf mich. Ich will gleich hinzufügen, dass er mir immer ungeheuren Spaß bereitet, aber wenn man versucht, seinem Leben gerecht zu werden, wird einem sehr deutlich bewusst, dass man es hier mit einem Genie zu tun bekommt, mit einem Genie von unglaublicher Energie und Produktivität.

Über solche Stellen kann man als nicht-britischer Leser geflissentlich hinweglesen, denn es wäre schade, das Buch allein deswegen zur Seite zu legen. Der überwiegende Teil des Buchs gleicht einer atemlosen Reise durch Leben und Wirken Winston Churchills, spannend, informativ und - im Gegensatz zu anderen staubtrockenen Politiker-Biografien - ungemein witzig und unterhaltsam geschrieben.

Boris Johnson Der Churchill Faktor (aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und Werner Roller, Klett-Cotta 2015)

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