Freitag, 3. Oktober 2014

Gebrauchsanweisung für Finnland.

Kontext,  3.Oktober 2014

Der deutsche Autor und Journalist Roman Schatz lebt seit fast 30 Jahren in Finnland. In seiner Gebrauchsanweisung für Finnland erklärt er seine Wahlheimat, deren Bildungssystem Weltspitze ist und deren Sprache kein Geschlecht und keine Zukunft kennt.

Egal, wann man vorhat Finnland zu besuchen, die Chance, an einem Beflaggungstag dort zu sein, ist groß. Beflaggt wird gerne und oft, am Tag der Kriegsveteranen, am Tag der finnischen Sprache, am Tag des Gedichts, am Tag der finnischen Literatur, am Tag des Nationaldichters Johan Ludvig Runeberg und am Vatertag. 
Zitat: Eines haben die meisten Finninnen und Finnen gemeinsam ... egal, ob sie jung oder alt sind, Rechtskonservative oder Ökorevolutionäre, Feministinnen oder Patriarchen, Bauern oder Professorinnen, religiöse Pietisten oder linientreue Kommunisten: Sie sind fast alle wirklich gerne Finnen und sind, jede und jeder auf eigene Art, mächtig stolz darauf, diesem exotischen kleinen Volk anzugehören.
Schatz sucht nach Erklärungen für dieses Nationalbewusstsein, diesen exzessiven Patriotismus. Und er findet mögliche Antworten in der Geschichte: Denn noch immer ist nicht völlig erforscht, woher die Finnen kamen. Und in ihrer jüngeren Geschichte wurden sie lange Zeit von Schweden und Russland dominiert. Erst 1917 erlangte das damalige russische Großfürstentum die Unabhängigkeit, zwei Jahre später kam es zu Gründung der Republik Finnland. Eine junge Republik am Rande Europas mit großem Selbstbewusstsein.

Was macht dieses Land aus? Eine Landschaft, geprägt von Seen, Inseln und Wäldern. Die Hauptstadt Helsinki. Bedächtige und sanftmütige Menschen, der Großteil von ihnen blond. Dunkelrote Holzhäuser mit weißen Kanten und einem Garten rundherum - und einem Saunahäuschen. 
Zitat: Über die Einhaltung der traditionellen Saunabräuche wacht in jeder Sauna der dort wohnende unsichtbare saunatonttu, ein Saunawichtel, mit dem man sich gut stellen sollte, wenn man nicht allerlei unangenehmem Schabernack zum Opfer fallen will. Vor allem das Fluchen sollte man in der Sauna tunlichst vermeiden. (…) Der Saunawichtel hat nur ein Auge und ist pechschwarz, denn seine Ursprünge hat er in der Rauchsauna, der urtümlichsten Version des Schwitzkastens, die man heutzutage fast nur noch in Heimatmuseen ausprobieren kann.

Neben der Sauna ist auch der Tango etwas ganz speziell Finnisches. Nachweislich wurde erstmals im Jahr 1913 Tango gespielt, hat der Autor Roman Schatz recherchiert. Es gibt ein Tangofestival, ein Tangokönig und eine Tangokönigin werden dort gewählt. Bei Tanzabenden kommen sich die Menschen näher, beliebt ist etwa der Tango namens "Satumaa", übersetzt heißt das "Märchenland". 
Zitat: Die Regeln dieser Tanzabende sind jedem bekannt: Man kleidet sich sauber und adrett, setzt seinen besten Benimm auf und wird zum Kavalier oder zur Dame alter Schule. Die Männer entfernen Schlüssel, Telefone und andere harte Gegenstände aus ihren Hosentaschen, die Frauen sammeln ihre Handtaschen am Rand der Tanzfläche, und dann kann's losgehen.

Wohlgemerkt: Finnland ist teuer. Lebensmittel kosten oft doppelt so viel wie bei uns, vom Alkohol ganz zu schweigen. Schwach alkoholische Getränke kann man in Supermärkten kaufen, starke allerdings nur in Geschäften mit dem wenig originellen Namen "Alko". Seit 1932 gibt es diese Monopolgesellschaft. Und neben dem Genuss von Alkohol sind die Finnen auch Weltmeister im Kaffeetrinken. 
Zitat: In diesem Land geschieht nichts ohne Kaffee. Ob erster Flirt, Hochzeit, Taufe, Schulabschlussfeier, Beerdigung oder Testamentseröffnung - immer und überall gehört Kaffee dazu. Während der ersten Jahre in Finnland wunderte ich mich über eine bestimmte Art von Annoncen in Finnlands Tageszeitungen, dauernd war da die Rede vom "Nachmittagskaffee" in charmanter Gesellschaft. Ein Freund klärte mich schließlich darüber auf, dass Werbung für Prostitution verboten und der Nachmittagskaffee ein Synonym für ein gebührenpflichtiges Schäferstündchen sei.

Was die finnische Küche angeht, zeigt sich Roman Schatz wenig enthusiastisch. Auf den Tisch kommen Fisch und Rentier, dazu Beeren und Pilze. Es gibt den Brotklassiker, das Lochbrot, von dem böse Zungen behaupten, das Loch in der Mitte sei das Beste am Brot. Dafür hat Finnland in Sachen Sport viel zu bieten: die Skispringer Matti Nykänen und Janne Ahonen oder den Formel-1-Fahrer Kimi Räikkönen.
In der Kunst sind vor allem zwei Namen international bekannt: der Filmregisseur Aki Kaurismäki und der Architekt Alvar Aalto. Seit den 1950er Jahren ist auch finnisches Design zu einer Marke geworden, heute findet man in einem Helsinkier Viertel an fast jeder Ecke Designgeschäfte.

Roman Schatz ist ein neugieriger Beobachter, mit Witz und Ironie beschreibt er seine Landsleute. Wer vorhat, nach Finnland zu reisen, findet wertvolle Tipps, wer schon einmal dort war, dem werden im Nachhinein viele Eigenarten klar. Da Roman Schatz selbst Deutscher ist, vergleicht er die finnischen Marotten oft mit den deutschen Gepflogenheiten, das ist für einen österreichischen Leser manchmal etwas platt, an anderer Stelle aber unschlagbar komisch. Wie das Kapitel über den Besuch einer finnischen Sauna in Deutschland, der zum Desaster gerät, da sehr unterschiedliche Mentalitäten aufeinandertreffen: Der Wahlfinne und seine Kinder ergreifen schließlich fluchend die Flucht.
Das Buch macht Lust auf eine Reise nach Finnland, und wie heißt doch in einem finnischen Sprichwort: "Das Haus lebt seine Weise. Besucher stören dabei nicht."



Roman Schatz, Gebrauchsanweisung für Finnland, Piper Verlag 2014

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