Mittwoch, 26. März 2014

Die Zukunft der Saudade. A guitarra portuguesa.

Radiokolleg Musikviertelstunde, 26. März 2014

Ein Fado ist kein Fado ohne sein typisches Begleitinstrument: die portugiesische Gitarre. Mit ihrem metallischen Klang ist sie kongenialer Gegenpart zur oftmals schwermütigen Stimme. Das Instrument ist in den vergangenen Jahren wieder überaus populär geworden, so gibt es in Lissabon zahlreiche Möglichkeiten, Unterricht zu nehmen. Traditionell wird das Instrument von Männern gespielt, aber langsam ändert sich auch das. Bei einem Meister seines Fachs werden die Geheimnisse dieses faszinierenden Instruments ergründet.

Sidónio Pereira stimmt seine portugiesische Gitarre: Das Instrument mit dem metallischen Klang, das so typisch ist für den Fado, den schwermütigen portugiesischen Gesang. Wir sitzen im Keller eines Fado-Lokals in Lissabon, gleich neben der Küche. Sidónio wird in Kürze mit einer jungen Fado-Sängerin, einer Fadista, auftreten.
"Die portugiesische Gitarre hat einen runden Korpus, ein bisschen wie ein Herz. Das ist die Gitarre aus Lissabon. Die Gitarre aus Coimbra schaut etwas anders aus. Der Korpus ist ovaler, eher birnenförmig. Und hier sieht man den Kopf der Gitarre. Bei der Gitarre aus Lissabon ist der Kopf eine Schnecke, und bei der aus Coimbra schaut er aus wie eine Träne."
Die portugiesische Gitarre wird mit aufgeklebten künstlichen Fingernägeln, auf Portugiesisch unhas, gespielt. Man unterscheidet zwei verschiedene Zupftechniken, dedilho und figueta. Einmal werden die Saiten nur mit dem Fingernagel des Zeigefingers angerissen, das andere Mal werden Daumen und Zeigefinger im Wechsel benutzt. Die portugiesische Gitarre ist rund ein Drittel kleiner als die klassische Gitarre und hat 12 paarweise angeordnete Stahlsaiten. Die Gitarre, die in Lissabon gespielt wird, ist in d - a - h - e - a - h gestimmt, die Gitarre aus Coimbra jeweils einen Ton tiefer.
"Eine ganz besondere Eigenschaft des Fado aus Coimbra ist es, dass er viel lyrischer ist, also ein lyrischer Gesang. Und er wird daher auch anders begleitet, das sind zum Beispiel solche Akkorde. -- Die Akkorde werden so geschrammelt, also aufgefächert. So nennen wir hier bei uns diese Art von Begleitung."

Die Herkunft der portugiesischen Gitarre ist noch nicht restlos geklärt. Es gibt Vermutungen, sie habe ihre Vorfahren in ähnlichen Instrumenten aus dem arabischen Raum. Doch weit logischer ist es, ihren Ursprung in Italien, Frankreich oder Großbritannien zu suchen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich in Portugal die Gitarre in der noch heute gespielten Form, wurde in den bürgerlichen Salons und Tavernen verwendet. Im Grunde gibt es drei Grundformen des Fado, erklärt Mestre Sidónio:
"Fado Corrido, Fado Menor und Fado Mouraria sind einfach die Basis aller anderen Fados. Fado corrido spielt man so, ganz einfach. -- Und über diese harmonische Sequenz singen die Fadistas. Es  sind eigentlich zwei Akkorde, die Tonika und die Dominante. Und dazu erfindet der Fadista eine Melodie. -- Wenn man einen Fado Corrido von zwei verschiedenen Menschen gesungen hört, dann glaubt man, das sind zwei verschiedene Stücke. Sind sie aber nicht."
Dann gibt es eben auch noch den Fado Menor.
"Ja, der wird in Moll gespielt. -- Der Fado Menor ist ein trauriger Fado, sehr intensiv, berührend, erzählt die traurigsten Dinge des Lebens."
Ein Beispiel ist der Fado "Garras dos Sentidos", die Krallen der Gefühle, gesungen von Mísia.

Zurück zu Mestre Sidónio Pereira und der Unterrichtsstunde in portugiesischer Gitarre im Keller des Lissabonner Fado-Lokals. Denn eine Form fehlt noch: Der Fado Mouraria, benannt nach dem Stadtviertel nahe der Alfama:
"Beim traditionellen Fado Mouraria verwenden wir viele Triller. Wir Gitarristen nennen das Tremolo. -- Das ist der Fado Mouraria."
Auch Ana Moura hat so einen Fado in ihrem Programm. Der Titel des Fado lautet schlicht "Mouraria".

Die portugiesische Gitarre gehört fast untrennbar zum Fado. Doch sie könnte noch viel mehr sein, nur wenige Musiker nutzen sie als Soloinstrument, und gerade in diesem Bereich gäbe es noch so viel zu entdecken, sind Ana Bacalhau und Luis Martins von der Gruppe Deolinda überzeugt.
"Das ist ein superinteressanter Weg, abseits vom Fado, den noch wenige gehen - hier und da gibt es sowas, im Jazz zum Beispiel..."
"Carlos Paredes hat das gemacht, er ist einer der wenigen. Da gibt es noch viel zu tun mit diesem tollen Instrument."
Der angesprochene Carlos Paredes hat die portugiesische Gitarre über die Landesgrenzen hinweg bekannt gemacht. Paredes wurde 1925 in Coimbra geboren und starb vor zehn Jahren in Lissabon. Viele Jahre begleitete er Amália Rodrigues, die Ikone des Fadogesangs. Er komponierte Filmmusik und arbeitete mit internationalen Künstlern zusammen. Während der Diktatur unterstützte Paredes die Kommunisten und saß 20 Monate im Gefängnis. Der bescheidene Musiker war vor allem für seine Improvisationskunst berühmt. Hier spielt sie die Hauptrolle, die portugiesische Gitarre.

Im Fado ist sie Begleiterin und schmückendes Beiwerk, virtuos gespielt, doch immer zurückhaltend. Der Sänger und der Text stehen im Vordergrund, die Gitarre vollendet und rundet ab. "Wacht auf, ihr Fadosänger, singt Camané, denn ich will den Fado hören. Wacht auf, ihr Gitarren, lasst die Finger all die schönen Lieder spielen!" "Acordem as guitarras!"

Dieser Teil ist dem kürzlich verstorbenen Meister der portugiesischen Gitarre, Mestre Sidónio Pereira gewidmet.
 
Musik zum Nachhören:
"Garras dos Sentidos" - gesungen von Mísia
"Mouraria" - gesungen von Ana Moura
"Serenata" - gespielt von Carlos Paredes
"Acordem as Guitarras" - gesungen von Camané