Freitag, 6. Dezember 2013

Portugal post-kolonial.

Journal Panorama, 5. Dezember 2013

Das kleine Land im äußersten Westen Europas hat eine große Vergangenheit. Mehrere hundert Jahre lang war es ein Weltreich mit mutigen Männern, die den Unbillen des Meeres trotzten, mit Kolonien in der ganzen Welt, mit Ansehen und Reichtum. Über diese Geschichte spricht der Portugiese gern. Anders ist es, wenn es um die jüngere Geschichte Portugals geht: die 1960er und 1970er Jahre. Der Kolonialkrieg, das Ende der Diktatur und die Nelkenrevolution, die Entkolonialisierung. Viele Jahrzehnte wurde geschwiegen und vergessen. Erst vor wenigen Jahren begann die Aufarbeitung jener dunklen Zeit: In der Literatur, im Kino, in den Medien. Doch auch heute stoßen jene, die auf immer noch währende Missstände oder Probleme aufmerksam machen, auf eine Mauer des Schweigens. Eine Standortbestimmung wenige Monate vor dem 40-Jahr-Jubiläum der Nelkenrevolution vom 25. April 1974.


Stolz reckt es sich in den sonnigen Novemberhimmel, das Denkmal der Seefahrer am Ufer des Tejo im Lissabonner Stadtteil Belém. Alle sind sie hier versammelt: Heinrich der Seefahrer, der zwar selbst nicht zur See fuhr, aber als Auftraggeber zahlreiche Entdeckungsfahrten ermöglichte; Vasco da Gama, der den Seeweg nach Indien entdeckte; Pedro Alvares Cabral, der als erster Europäer seinen Fuß in jenes Land setzte, das später Brasilien genannt werden sollte. Allesamt mutige und abenteuerlustige Männer, die die Zukunft des Landes nicht im nahen Europa, sondern in fernen Welten jenseits des Atlantiks sahen. Wenige Schritte weiter, im Marine-Museum wird die Geschichte Portugals als Volk von Seefahrern und Entdeckern zelebriert: detailgetreue Nachbauten von Karavellen gibt es zu sehen, nautische Geräte, bunte Uniformen.


Portugal hatte ja auch kaum andere Möglichkeiten, als sich zum Meer hin zu orientieren. Denn auf der anderen Seite lagen Hunderte Kilometer spanisches Land, erklärt eine Reiseleiterin. Darum fuhr man aufs Meer und diese Geschichte der Entdecker und Weltumsegler mögen die Portugiesen. Sie besingen sie nicht nur in ihrer Nationalhymne: "Helden des Meeres, edles Volk, Tapfere, unsterbliche Nation!"Sie ist auch das Leitmotiv im Nationalepos Die Lusiaden von Luis de Camões aus dem 16. Jahrhundert oder dem Werk Mensagem von Fernando Pessoa, erschienen 1934.

Doch das, was Mitte des 20. Jahrhunderts in Portugal passierte, sorgt für Kontroversen. In den 1950er und 60er Jahren, also zu Zeiten der Diktatur von Antonio Salazar in Portugal, war das Regime, anders als andere europäische Länder, nicht bereit, seine afrikanischen Kolonien Mosambik, Angola, Guinea-Bissau, Ost-Timor und São Tomé e Principe aufzugeben. Man nannte sie zwar nicht mehr Kolonien, sondern Überseeprovinzen - sprachliche Kosmetik, denn sie blieben ein Teil Portugals. Aus Widerstand dagegen entstanden in den afrikanischen Ländern bewaffnete Unabhängigkeitsbewegungen. Die portugiesische Armee griff ein, war jedoch schlecht ausgerüstet und erlitt große Verluste, Kriegsmaterial und Marine waren veraltet. Die portugiesische Opposition, vor allem die Kommunisten und die PS, die Sozialistische Partei, machten sich für die Unabhängigkeit der Kolonien stark, allen voran Mário Soares von der PS. Er wird kommendes Jahr 90, das Treffen mit dem Journal Panorama findet in der nach ihm benannten Stiftung in Lissabon statt.

1964 gründete Soares gemeinsam mit Gleichgesinnten die Sozialistische Partei Portugals, verbrachte einige Jahre im Exil in Rom und Paris. Er verhandelte mit dem damaligen UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim über die Unabhängigkeit der Ex-Kolonien und machte vom Ausland aus gegen das Regime mobil:
"Das damalige Regime warf Napalm-Bomben über Mosambik ab - Napalm-Bomben! - Viele starben. Ich war damals ja noch im Exil. Aber ich verfasste einen scharfen Protest gegen das Vorgehen des portugiesischen Regimes, und forderte es auf seine ehemaligen Kolonien nicht zu bombardieren. Auch die Vereinten Nationen verlangten ein Ende der Kampfhandlungen."
Im Frühjahr 1974 überstürzten sich die Ereignisse, erzählt Mário Soares:
"Das Wichtigste für mich war die Entkolonialisierung. - Anders wäre doch diese friedliche Revolution, die den Kolonialkrieg beendete, gar nicht möglich gewesen. - Und so begannen wir mit der Entkolonialisierung. - Zuerst Guinea-Bissau, dann kamen die Kapverden, dann Angola, Mosambik, als nächstes Sao Tomé Principe und schließlich Ost-Timor." 


Mit der Nelkenrevolution am 25. April endeten 50 Jahre Diktatur und 14 Jahre Kolonialkrieg. Guinea-Bissau wurde am 16. August 1974 unabhängig, Mosambik am 25. Juni 75, Angola am 11. November 75. Portugal stand nun aber erst recht vor schwierigen Aufgaben: die Wirtschaft litt unter dem Verlust der ehemaligen Kolonien, es gab politische und ideologische Konfrontationen, das Land war weit entfernt von einer Demokratie. Soares wichtige Rolle in jener Zeit ist unbestritten, seine Bemühungen als Außenminister und späterer Premier und Präsident des Landes gingen in die Geschichte ein, er ist auch heute noch vielen Portugiesen, vor allem den jungen, ein Vorbild. Dennoch wurde er für die Entkolonialisierung auch scharf kritisiert, sie sei unüberlegt und zu schnell passiert.



Leidtragende waren jene Menschen, die in den Jahren 1974/75 hastig und in überfüllten Flugzeugen aus Afrika ausgeflogen wurden. Bis zu einer Million waren es, die genauen Zahlen weiß man nicht. Das wenige, das diese so genannten retornados, also Rückkehrer, von ihrem Leben in Afrika mitnehmen konnten, wurde mit Schiffen nach Portugal gebracht. Genau an jenem Kai, wo die steinernen Seefahrer so entschlossen und mutig in Richtung Atlantik streben, dort, wo heute Touristen die Helden der Vergangenheit abfotografieren, stapelten sich vor 40 Jahren Kisten, Koffer, Leinensäcke. Jerónimo Ribeiro ist ein retornado. Er war 14, als er Angola verließ. Er erinnert sich an die Wärme, den Strand, die Freiheit, das viele Obst, das es das ganze Jahr über gab, die Fußballspiele mit seinen zum Großteil dunkelhäutigen Freunden. Anfang der 1970er Jahre habe sich dann alles geändert: 
"Diese Plätze, wo wir uns getroffen haben, waren auf einmal nicht da. Damals, kann ich mich erinnern, hab ich schon auf richtigen Fußballplätzen gespielt, in einer richtigen Mannschaft und auf einmal war der Trainer nicht mehr da, hat es nicht mehr funktioniert. Viele Sachen haben begonnen, nicht mehr zu funktionieren. Es war nicht möglich, diese Leute zu treffen, weil sie nicht mehr vorhanden waren. Die Strukturen haben angefangen zu zerbrechen, sagen wir so." 
Die Situation wurde schlimmer, in den Städten kam es immer öfter zu Schießereien. Jerónimo und seine Familie ergatterten die so begehrten Plätze in einem Flugzeug nach Lissabon:
"Wir haben alles zurückgelassen, wir waren Flüchtlinge. Wir waren nicht nur retornados – retornado ist ein schönes Wort für jemanden, der zurückkommt - aber wir waren Flüchtlinge. Flüchtlinge mit einem privilegierten Status in Portugal, weil wir mussten nicht um einen neuen Pass ansuchen, wir hatten wahrscheinlich von rechtlicher Seite her gesehen den gleichen Status wie die anderen, aber tatsächlich haben wir nichts gehabt. Meine Eltern sind mit vier Kindern [aus Afrika] gekommen, ohne einen Arbeitsplatz zu haben, ohne eine Wohnung zu haben, wir waren einfach Flüchtlinge."
Nach der Rückkehr erhielt die Familie Ribeiro kaum staatliche Unterstützung und kämpfte gegen die Vorurteile und das Misstrauen der portugiesischen Bevölkerung:
"Ich kann mich sehr gut erinnern, dass ich auch in der Schule der retornado war, und das war nicht angenehm. Immer, was du gesagt hast oder getan hast wurde darauf zurückgeführt, dass du ein retornado warst und stigmatisiert warst. Weil, sobald du von Angola gekommen bist, bist du in ein Kastl gegeben worden und du bist so und aus. Und das ist schwierig." 

Es war eine schwere Zeit für die, die kamen, aber auch für die, die in Portugal lebten. Geschrieben hat darüber bis vor kurzem niemand. Ein Blick in die Regale der portugiesischen Buchhandlungen zeigte, dass es zwar einige Bücher über die Diktatur und den Kolonialkrieg an sich gab, über die Rückkehrer und deren Leben nach der Nelkenrevolution fand sich aber nichts.


Júlio Magalhães leitet in der nordportugiesischen Stadt Porto den Fernsehsender „Porto-Canal“, er ist selbst ein retornado und war im Jahr 2008 der erste, der sich literarisch mit diesem Thema auseinandersetzte. Basierend auf der eigenen Geschichte und auf Erzählungen von Freunden: 
"Über 30 Jahre lang hat kaum einer über Afrika gesprochen. Es war ein Trauma für jene, die alles zurückließen und mit leeren Händen dastanden. Menschen, die in Angola ein angenehmes Leben gehabt hatten, kamen zurück und lebten hier unter miserablen Bedingungen. Und aufgrund dieser Demütigung erzählten sie ihren Kindern nichts über das, was sie erlebt hatten. Das Thema Rückkehrer war über viele Jahre ein Tabu. Sie wollten auch nie wieder zurück nach Afrika. Sie wollen vergessen und nicht sehen, wie jetzt andere in ihren Häusern wohnen."
So schlecht die retornados von ihren portugiesischen Landsleuten aufgenommen wurden, so sehr kämpften sie für ein neues Leben und, so ist Júlio Magalhaes überzeugt, sie veränderten Portugal von Grund auf:
"Sie kamen aus Afrika und verteilten sich im Land, eröffneten Cafés oder Geschäfte und brachten Schwung ins Land. Damals hieß es ja: Portugal, das ist Lissabon und der Rest ist Gegend. Außer in Lissabon war das Land hinten nach. Und die Menschen, die aus Afrika kamen, sorgten für eine positive Entwicklung. Vier, fünf Jahre hatte sich alles eingependelt."

Nicht nur die Literatur entdeckte mit der Zeit das Thema Kolonialvergangenheit. Auch im Kino beschäftigte man sich damit. Verena Cathrin Bauer schreibt darüber gerade am Institut für Romanistik der Universität Wien ihre Doktorarbeit:
"Es geht um eine Aufarbeitung, und es geht nicht nur um eine Aufarbeitung der Kolonialzeit, der Diktatur, sondern es geht auch um eine Aufarbeitung sozusagen der Diskurse, die überhaupt dazu geführt haben. Also, wenn wir uns die gesamte portugiesische Literaturgeschichte ansehen, haben wir immer einen sehr großen Fokus auf entdecken und erobern. Von den Epen von Luis Vaz de Camões bis in einem gewissen Sinne zu Fernando Pessoas Ode maritima oder Mensagem, geht es doch darum, dass Portugal eine spezielle Stellung in der Welt zugedacht wird, und dass diese Stellung sich auch darin ausdrückt, dass Portugal ein Überseereich sein muss oder sein soll. Also nicht nur ein kleines Land am Rande Europas – der Soziologe Boaventura de Sousa Santos spricht in diesem Kontext von einer semiperipheren Rolle Portugals, also an der Peripherie Europas, marginalisiert, am Rande Spaniens, dem großen und übermächtigen Nachbarn, aber das Zentrum eines weltumfassenden Seereiches. Und auch das wird konstant angesprochen. Also, es geht nicht nur um die konkreten Auseinandersetzungen und den Krieg in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau, sondern es geht auch um den Mythos Portugal und die Dekonstruktion des Mythos Portugals."
In einem Fall sei die Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit aber tatsächlich besonders gut geglückt, sagt Verena Cathrin Bauer, nämlich im Film A costa dos murmúrios aus dem Jahr 2004 der Regisseurin Margarida Cardoso nach einem Roman von Lídia Jorge:
"Die Küste als Metapher in A costa dos murmúrios ist ein ganz stark beladener Raum, ein liminarer Raum des Übergangs, es ist der Raum auf dem sich sowohl das ankommen und das Verabschieden abspielt in diesem kolonialen Kontext, es ist aber auch der Übergang zwischen Erinnern und Vergessen, also das Erinnern an eine Vergangenheit, die sich uns immer wieder und immer stärker entzieht, die immer wieder durch andere Diskurse überlagert wird und es liegt sozusagen an uns, diese Erinnerungsarbeit zu betreiben und noch aufzudecken, was übrigbleibt von der Vergangenheit und das zu nutzen und darüber nachzudenken, sozusagen."
Im eigenen Land werden diese Filme meist sehr schlecht rezipiert, sie erhalten eher bei ausländischen Festivals Beachtung. Und auch wenn dieser Film ein positives Beispiel für die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte der Portugiesen ist, in den meisten Fällen bleibt vor allem eine Sicht der Dinge gänzlich ausgeklammert: die afrikanische.

Das hat auch Catarina Gomes, Journalistin der Zeitschrift Público, erlebt. Sie schreibt an einem Buch über Kinder von portugiesischen Ex-Militärs, über das, was ihnen ihre Väter über die Zeit des Kolonialkrieges erzählt hatten. Erinnerungen der zweiten Generation sozusagen. Im Zuge der Recherchen stieß sie auf einem Blog ehemaliger Soldaten, die im Kolonialkrieg in Guinea-Bissau gekämpft hatten, auf Berichte über die filhos do vento, Kinder des Windes: Kinder von afrikanischen Müttern und portugiesischen Militärs. Das war etwas, wovon man in Portugal bis dahin nichts gehört hatte. Catarina Gomes begann Fragen zu stellen:
"Über diesen Blog fand ich eine NGO in Guinea und die sagten mir: Ja, wir kennen viele solche Fälle, es wird nicht viel darüber gesprochen, manche schämen sich dafür. Also gab es diese Menschen. Ich dachte, das wäre doch ein super Thema. Ich recherchierte und eines Tages schlug ich die Geschichte meiner Redaktion vor. Die fanden das toll. Ich hatte aber ein bisschen Angst, ob diese Menschen dann überhaupt mit mir reden würden. Aber als wir in Guinea ankamen, war alles anders: alle wollten reden. Einmal kamen wir ins Hotel und die Leute hatten seit Stunden auf uns gewartet. Nicht weil wir Journalisten waren, sondern weil sie dachten, da ist jemand aus Portugal, vielleicht finde ich ja so meinen Vater."
Und so veröffentlichte die Zeitschrift Publico im Sommer zahlreiche Videos auf ihrer Homepage. Dort sprachen die Kinder des Windes - die in ihrer Heimat unter dem weit weniger poetischen Namen restos de tuga, also Reste, Überbleibsel der Portugiesen, bekannt sind, über die Suche nach der eigenen Identität. Ihre Haut sei immer heller als die der anderen gewesen, doch die Mütter hätten lange geschwiegen, Dokumente und Fotos verbrannt, um ihre halbportugiesischen Kinder vor Racheakten der afrikanischen Bevölkerung zu schützen. Nach und nach sei die Wahrheit ans Licht gekommen. Die mittlerweile 40 bis 50-Jährigen begannen, ihre portugiesischen Väter zu suchen. Zum Beispiel Fernando, der LKW-Fahrer, der in dem Film erzählt:
"Einmal hatte mein Stiefvater Probleme mit einem Kollegen und sie standen auf der Straße und schrien herum. Ich sagte zu ihnen: Gehen wir hinein und reden wir vernünftig darüber. Da sagte der eine: Du bist doch nur ein Portugiesenrest! Es kam mir vor, als hätten sie mir ein Messer in den Leib gerammt. Ich rannte nach Hause, ging ins Badezimmer, zog mich vollkommen aus und im Spiegel sah ich, dass ich wirklich ganz anders war als meine Familie. So hab ichs entdeckt."
Eine Mutter: "Ich habe wegen des Kindes sehr gelitten, sehr."
Fernando: "Ich wollte meinen Vater immer suchen. Ich fühle mich wie ein halber Mensch ohne ihn. Ich ging zu einem Portugiesen und sagte: Hilf mir meinen Vater zu finden. Das Bataillion? Keine Ahnung. Aber er war 66, 67 hier. Und sein Name ist Furriel. Er schaute mich verwundert an. Und dann erklärte er mir, dass Furriel kein Name, sondern die Bezeichnung für einen Versorgungsoffizier war. Dann ließ ich die Suche sein, es schmerzte einfach zu sehr."


Es sind Geschichten, die berühren. Dennoch habe es auf die Aktion in Portugal kaum Reaktionen gegeben, sagt Catarina Gomes:
"Null! - Niemand hat sich interessiert. - Der Vietnamkrieg, der war doch ungefähr zur gleichen Zeit, da gabs das ja auch. Und das wurde überall diskutiert, die Besatzungskinder, die amerasiens, durften ab 1987 sogar als legale Einwanderer in die USA einreisen. Es gab extra ein Gesetz für diese Menschen. Und es gab psychologische Studien über die Integration, zahlreiche Radioberichte und so. – Aber hier: gar nichts!"
Catarina Gomes sucht weiter nach den Vätern, auf eigene Faust und auf eigene Kosten.


Schweigen, Desinteresse, Ignoranz, Scham - es ist ein Wegschieben und Vergessenwollen der eigenen Vergangenheit. Im portugiesischen Außenministerium, das seinen Sitz in Lissabon im Palácio das necessidades, dem Palast der Notwendigkeiten hat, verwaltet Staatssekretär José Cesário die Agenden der portugiesischen Gemeinschaft. Ob er schon einmal von den Kindern des Windes gehört hat? Die Frage ist ihm offenbar nicht besonders angenehm:
"Es gibt ein paar Aspekte im Zusammenhang mit unserer Anwesenheit in den ehemaligen Kolonien, die tatsächlich kaum diskutiert und erörtert wurden. Aber vielleicht sind es gar nicht so viele. Es gibt sie, das ist wahr. - Aber es gibt andere Dinge: Zum Beispiel all jene ehemaligen Soldaten, die Afrikaner waren und dann in ihrem eigenen Land in dramatische Situationen gerieten. Eine Erinnerung an unsere Toten. Ja, auch darüber wurde nur wenig gesprochen, das gebe ich zu. - Aber ich denke, es kann nicht so schwierig sein, ich meine, ja, es gibt sicher Schwierigkeiten, aber es ist möglich, dass diese Menschen sich wieder treffen. So etwas passiert doch immer wieder."
Unterstützung von staatlicher Seite? Keine. Hilfe von Seiten der Behörden? Schön wärs. Kritische Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit? Fehlanzeige.

Im Fernsehen läuft in Portugal derzeit eine Serie zum Thema Kolonialvergangenheit. Depois do Adeus, zu Deutsch Nach dem Abschied, ist eine romantisch-verklärte Geschichte einer Familie von Rückkehrern, benannt nach jenem Lied, das in der Nacht zum 25. April 1974 im Radio gespielt wurde und das erste geheime Zeichen für den Beginn der Revolution gewesen war. "Eine wahre Geschichte über eine Zeit, die alles andere war als Fiktion“, heißt es im Pressetext zur Fernsehserie auf der Homepage des Senders. Auch wenn die Macher Archivmaterial einbauen, die Aufnahmen immer wieder zwischen Schwarz-Weiß und Farbe hin und her wechseln, die Ausstattung akribisch nach Originalkleidung und Mobiliar der 1960er und 70er Jahre gesucht hat - auch diese Geschichte bleibt nur an der Oberfläche.



Die Sichtweise Afrikas, die Verluste und Probleme, die der Kolonialkrieg dem Land gebracht hat, das Gezerre der Großmächte, die nachfolgenden jahrelangen Bürgerkriege - all das wird lieber vergessen und ausgeklammert.



Nach vielen Gesprächen wird langsam klar: mit der Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit ist es in Portugal nicht weit her. Politisch, wirtschaftlich und militärisch ist vieles gesagt und geschrieben worden. Doch in den Köpfen der Menschen muss sich noch jede Menge ändern. Und so ist es auch nicht völlig unverständlich, wenn auch verstörend, dass der Diktator António de Oliveira Salazar im Jahr 2007 in einer Fernsehsendung zum größten Portugiesen gewählt wurde. Auch wenn das durchschnittliche Alter der Fernsehzuschauer in Portugal wie überall in Europa jenseits der 60 liegt und die telefonische Abstimmung höchst zweifelhaft von statten ging, ist es doch ein nicht zu unterschätzendes Zeichen der noch immer existenten nostalgischen Sehnsucht nach der scheinbaren Sicherheit der Diktatur und der Verklärung der Vergangenheit.

Und das gelte auch für die koloniale Vergangenheit, sagt der Autor Júlio Magalhães:

"Und deshalb wollten die Menschen nicht über ihre Gefühle sprechen. Sie schämten sich für ihre Vergangenheit. Aber es gibt auch eine politische Verantwortung. Beide Dinge hängen mit den dunkelsten Kapiteln unserer Geschichte zusammen. Das waren alles Tabuthemen, die niemand anfassen wollte. Deshalb hat sich Portugal nie wirklich um seine Vergangenheit gekümmert. Wir haben noch eine sehr junge Demokratie und in den vergangenen 30, 40 Jahren wollten die Leute diese Demokratie aufbauen und das vergessen, was davor war. Darum kümmern wir uns nicht um die Vergangenheit, nicht einmal in den Schulen."
Eine Untersuchung der UNO sprach im Vorjahr von einer inexakten Darstellung der kolonialen Vergangenheit Portugals in den Schulbüchern. Es werde zu wenig über die positiven Aspekte, die Afrika betreffen, gesprochen. Ganz genau, kritisiert Júlio Magalhães, es sei ein verzerrtes historisches Bild, das die Lehrer den Kindern in der Schule vermitteln:
"Es ist ungenau und vereinfacht, wir haben einfach nicht die Kraft über diese Vergangenheit zu sprechen. Das ist sehr wohl Aufgabe der Politik. Da geht´s um Lehrpläne und politische Entscheidungen, und das muss dann in die Schulen getragen werden. Aber darüber wollen sie nicht reden, obwohl es so wichtig wäre."

Dennoch, es gibt hier und dort Tendenzen, die eigene Geschichte in einem neuen Licht zu sehen, von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten. Zumindest in den Bereichen Literatur und im Kino, sagt Verena Cathrin Bauer:
"Ich glaube, dass die Filme ausdifferenzierter mit der Vergangenheit umgehen. Am Anfang ist alles sehr realistisch, wir haben sehr grausame Bilder vom Krieg und am Schluss wird alles wird alles schon ironisch, ästhetisiert. Es wird auch mit der portugiesischen saudade und der ewigen Sehnsucht nach einer Vergangenheit und nach der Ferne, mit der Nostalgie gespielt, und das wird sozusagen in den letzten Filmen immer krasser."

Portugal ist ein Land zwischen Vergangenheit und Zukunft, das sich derzeit vor allem mit der Gegenwart beschäftigt. Die aktuelle Krise sorgt für eine neue Auswanderungswelle in die ehemaligen Kolonien in Afrika. Fachkräfte werden in Mosambik und Angola gesucht, es gibt starke wirtschaftliche Bindungen, die gemeinsame Sprache als verbindendes Element ist immens wichtig und ein mächtiges Instrument: Auch wenn derzeit die Beziehungen zwischen Portugal und Angola nicht so gut laufen, wie man das in Lissabon gerne hätte; und auch wenn aus Mosambik immer wieder über Gefechte zwischen Rebellengruppen und Gewalt gegen Portugiesen berichtet wird. Die Sprache eine jene Völker, die über viele Jahrhunderte eine gemeinsame Geschichte hatten, davon ist der ehemalige Außenminister, Premier und Präsident des Landes, Mário Soares überzeugt:
"Das ist etwas ganz Besonderes. Wir haben es geschafft, dass alle unsere ehemaligen Kolonien Portugiesisch als offizielle Sprache übernommen haben. Und wir haben mit allen dieser unabhängigen Staaten sehr freundschaftliche Beziehungen. Es gibt die CPLP, die Gemeinschaft der portugiesischsprachigen Länder, und all diese Länder sind wie Brüder und sie sind solidarisch."

Das sei unbestritten, sagt auch Júlio Magalhães. Die gemeinsame Sprache sei, noch, das stärkste Argument für einen regen Austausch zwischen Portugal und den afrikanischen Staaten. Doch Portugal dürfe nicht nur wirtschaftlich denken, viel wichtiger sei ein Austausch der Kulturen - und das gehe nur mit einer intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit:
"Wenn wir das nicht schaffen, werden wir viel länger brauchen, um die Krise zu überwinden, und um kulturell den Anschluss an andere Länder zu finden. Es gibt noch keine Strategie, die nicht mit wirtschaftlichen Fragen verbunden wäre. In den letzten Jahren ging es immer nur um die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Portugal und Afrika. Aber wir vergessen, dass Kultur viel wichtiger ist als Wirtschaft, beziehungsweise: die Wirtschaft würde viel besser funktionieren, wenn die kulturelle Verbindung forciert würde." 

Jerónimo Ribeiro lebt schon seit vielen Jahren nicht mehr in Portugal, er hat in Niederösterreich eine neue Heimat gefunden. Nun beobachtet er die Entwicklungen aus der Ferne und meint: 
"Ich habe den Eindruck, dass durch die Sprache dieses Reich noch da ist, und dass sehr viele sehr stolz sind – ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, wir sind die fünft- oder sechstgrößte Sprache der Welt. Ein Land wie Brasilien oder Angola und Mosambik, die Sprache wird auch in Asien gesprochen, also ich glaube, dass diese „Grandiosität“ noch sehr präsent ist, wobei die Portugiesen – ich weiß nicht, ob ich es so definieren darf – ein Volk sind, dass sich sehr schnell abfindet mit Situationen und danach wahrscheinlich ein bisschen im Fado jammert, oder in anderen Liedern, aber dass sich dann einfach abfindet." 

Im kommenden April jährt sich die Nelkenrevolution zum 40. Mal. Und es wird wohl die Aufgabe der jüngeren Generationen sein, sich mit dem historischen Erbe dieser ehemals so großen Nation auseinanderzusetzen. Die Journalistin Catarina Gomes:

"Ich glaube, meine Generation ist die erste, die das Ganze weniger ideologisch sieht. Der 25. April ist ein wichtiges Datum, aber ich merke, dass es Leute gibt, die damit ein Problem haben. Diese Erinnerungen sind noch sehr privat, sehr familiär. Jeder hat seine Sicht der Geschichte. Aber ich finde das alles wirklich faszinierend!"

Es gibt also Hoffnung, dass eines Tages eine neue Erinnerungskultur der Kolonialvergangenheit Portugals möglich sein wird. Die jungen Portugiesen haben mit alldem noch nichts am Hut. Sie wollen lieber so sein wie die legendären Weltumsegler und Entdecker. An diesem sonnigen Tag weht eine angenehme Brise im Lissabonner Stadtteil Belém. Möwen umkreisen das Denkmal der Seefahrer und im Segelklub nebenan hissen die Kleinsten die Segel. Für eine Regatta der Segelklasse „Optimisten“…

Links:

Projekt der Zeitschrift Público: Filhos do Vento
Fernsehserie der RTP: Depois do Adeus

Literatur: 

Dulce Maria Cardoso: O Retorno (Tinta da china, Lisboa 2011)
Júlio Magalhães: Os Retornados - Um amor nunca se esquece (A esfera dos livros, Lisboa 2008)
Fernando Dacosta: Os Retornados mudaram Portugal (Parsifal, Lisboa 2013)
João Paulo Guerra: O Regresso das Caravelas (Oficina do livro, Alfragide 2009)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen