Freitag, 22. November 2013

Portugal: Jugend ohne Hoffnung.

Europajournal, 22.11.2013

Portugal leidet weiterhin unter den Folgen der Wirtschaftskrise. Es muss kräftig gespart werden: Pensionen werden gekürzt, Steuern erhöht, zahlreiche Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren. Ein Ende ist nicht in Sicht - die Regierung hat bereits weitere Maßnahmen angekündigt. Viele Menschen suchen daher im Ausland ihr Glück, sie verlassen Portugal und arbeiten in Großbritannien, Luxemburg oder der Schweiz. Und die Auswanderer werden immer jünger, und sie sind immer besser ausgebildet. Das kann in einigen Jahren zu ganz neuen Problemen im Land führen.

Es ist ein sonniger Novembertag in der nordportugiesischen Stadt Porto, die Studenten der geisteswissenschaftlichen Fakultät nutzen die freie Zeit zwischen den Vorlesungen und sitzen in den Parks, lernen, plaudern, diskutieren. Doch die Idylle an der Universität wird für die meisten nach dem Abschluss ihres Studiums jäh beendet werden, ein kalter Gegenwind wird ihnen am Arbeitsmarkt entgegen wehen. Derzeit liegt die Zahl der Arbeitslosen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren in dem kleinen Land im Westen Europas bei rund 36 Prozent. Viele Studenten überlegen daher bereits, bevor sie zu studieren beginnen, wo sie später einmal arbeiten werden. Martina ist neunzehn Jahre alt und erst am Beginn ihres Studiums, doch sie glaubt, dass es schwierig werden wird, einen Job zu finden: "Ich glaube, dass es eines der größten Probleme dieses Landes ist, dass die jungen Leute zuerst etwas studieren und dann gibt es in dem Bereich, den sie studiert haben, einfach zu wenige Möglichkeiten. Also: Den Jungen werden tolle Studien angeboten und dann kommen sie in ihrem Bereich einfach nicht weiter."
 Auch der einundzwanzigjährige Tiago glaubt nicht, dass er später in Portugal einen Job finden wird: 
"Viele denken daran, von hier wegzugehen. Aber in anderen europäischen Ländern ist es auch nicht viel besser, ich gehe vielleicht nach Amerika." 
Ist es nicht traurig, dass so viele junge Menschen fortgehen, frage ich ihn. 
"Ganz genau: es ist traurig. Vor allem weil es auch so schon wenige junge Menschen hier gibt. Sie verlassen die Familie, die Freunde... aber so ist es eben."

Ortswechsel in die Hauptstadt Lissabon. Tatiana Ferreira arbeitet und forscht am sozialwissenschaftlichen Institut der Universität Lissabon. Sie beschäftigt sich mit dem Phänomen der jugendlichen Auswanderung und untersucht, wohin die jungen Menschen gehen und warum. 
"Das hat natürlich mit der Arbeitslosigkeit zu tun, und mit der Krise. Die Menschen werden fast gezwungen auszuwandern, weil sie hier keine Zukunft haben. Auch wenn sie eigentlich nach kurzer Zeit wiederkommen wollen, können sie das nicht, weil es hier keine adäquate Arbeit gibt. Der Wunsch ist da, aber praktisch geht das nicht."

Im Jahr 2012 haben mehr als 121.000 Portugiesinnen und Portugiesen ihr Land verlassen. Die meisten gehen nach Großbritannien, nach Luxemburg, in die Schweiz und Deutschland, und immer mehr zieht es in die ehemaligen Kolonien Angola und Mosambik. Doch die vielen Emigranten werden von den portugiesischen Politikern nur allzu gerne vergessen, zum Beispiel wenn es darum geht, die aktuellen Arbeitslosenzahlen schönzureden. Denn diese sind gerade ganz, ganz leicht gesunken, nämlich um 0.8 Prozentpunkte auf 15,6 Prozent, und die Regierung spricht von Aufschwung und einem Hoffnungsschimmer am portugiesischen Horizont. Dass dem nicht so ist, zeigt ein Blick auf jene Berufe, für die es in Portugal besonders schlecht aussieht. Etwa den der Krankenschwester, sagt die 20-jährige Studentin Marta: 
"Bei Krankenschwestern und sogar in anderen medizinischen Bereichen gehen viele ins Ausland auf der Suche nach besseren Möglichkeiten. Ganz viele Krankenschwestern gehen nach London, dort werden sie besser bezahlt und es gibt auch viel mehr Jobs als hier."

Insgesamt emigrierten im Jahr 2011 rund 16.000 Portugiesen nach Großbritannien, im Vorjahr waren es schon mehr als 20.000. Ein großer Teil arbeitet im Gesundheitsbereich, verdient zwar gut, aber leidet unter jener Sehnsucht nach der Heimat, die typisch ist für die Portugiesen - die saudade, die in so zahlreichen Fadoliedern besungen wird. Doch auch in anderen Berufen, vor allem in künstlerischen und geisteswissenschaftlichen Bereichen gibt es in Portugal kaum Jobs, sagt Tatiana Ferreira:
"Im Design zum Beispiel oder im Marketing gibt es viele qualifizierte Personen, aber viele Firmen sind noch immer sehr familiär geführt und investieren nicht in diese Bereiche. Das wird durch die Krise noch verschlimmert, weil die Firmen niemanden zusätzlich einstellen, schon gar nicht höher gebildete Personen. Die Krise ist also eine Konsequenz, aber auch ein Grund, und so dreht sich alles im Kreis."

Der Staatssekretär im Außenministerium, José Cesário, empfängt mich in Lissabon im Palácio das necessidades, also dem Palast der Notwendigkeiten, und er betont, die derzeitige Situation sei wenig erfreulich. 
"Das Schwierige ist jetzt, dass wir es schaffen müssen, die Menschen, die wir ausbilden, auch hier zu beschäftigen, damit das Land sie nicht an das Ausland verliert." 
Und auch er glaubt, dass das Problem der Auswanderung auch auf die starren und veralteten Strukturen der portugiesischen Unternehmen zurückzuführen ist: 
"In dem Moment, wenn ein neuer Unternehmergeist in unsere Firmen einzieht, der stärker nach außen gewandt ist, dann wird es auch Möglichkeiten geben, dass die jungen Menschen hierbleiben oder sogar zurückkommen."
Es gibt also noch viel zu tun im Palast der Notwendigkeiten.

Die Soziologin Tatiana Ferreira sieht außerdem noch ganz andere Probleme auf ihr Land zukommen, wenn auch in Zukunft derart viele junge Menschen ihren Lebensmittelpunkt ins Ausland verlegen.
"Das wird sich auch auf die Geburtenrate auswirken. Denn ein großer Teil der Emigranten wird im Ausland eine Familie gründen. Das heißt: In ein paar Jahren werden wir diese Dinge spüren: eine immer ältere Gesellschaft und eine niedrige Geburtenrate. Bereits jetzt gehen die Zahlen zurück und es werden in Portugal immer weniger Kinder geboren."

Was wird die Zukunft bringen? Die Studenten in Porto und Lissabon sind da recht unterschiedlicher Meinung. Tiago etwa befürchtet, dass es immer nur noch schlechter wird. Marta hingegen gibt die Hoffnung nicht auf:
"Ich bin nicht so optimistisch, aber ich glaube, in drei oder vier Jahren kann sich doch etwas verändern, zum Besseren, aber auch zum Schlechteren. Aber ich würde schon gerne hier bleiben!"

Portugal will jedenfalls Mitte 2014 das Rettungsprogramm seiner Euro-Partner in Höhe von 78 Milliarden Euro hinter sich lassen und finanziell wieder auf eigenen Beinen stehen. Doch der Weg zu einem Land, das seinen jungen Menschen wieder eine Zukunft bieten kann, ist noch weit und er bleibt steinig.