Freitag, 9. August 2013

Copacabana, Biografie eines Sehnsuchtsortes.



Kontext, 9.8.2013

Copacabana – dieser Name sorgt bei vielen für Assoziationen wie Strand, Meer, Samba – kurz gesagt, für brasilianische Lebensart. Denn Copacabana steht für Rio de Janeiro und das wiederum wird vor allem in europäischen Köpfen meist mit Brasilien gleichgesetzt. Dem Mythos, der Geschichte, den Versprechen dieses Sehnsuchtsortes spürt Dawid Danilo Bartelt in seinem Buch nach. 

"Copacabana, Meeresprinzessin...Es gibt viele Strände, gleißend im Licht, doch keiner hat deinen Charme..." Dick Farney schrieb diesen Song im Jahr 1946.
Copacabana - ein Sehnsuchtsort, wie ihn Autor Dawid Danilo Bartelt nennt. Ein Ort, der über die Jahrhunderte nur ganz langsam in Besitz genommen wurde und heute zu den wohl schönsten Stadtstränden der Welt zählt.
Der Leser erfährt allerlei Kurioses über den Namen Copacabana selbst, der auf den ersten Blick ja tatsächlich portugiesisch sein könnte: copa bedeutet Pokal oder Kelch, cabana ist die Hütte. Doch das ist ein linguistischer Zufall. Tatsächlich ist es ein Wort indigenen Ursprungs und kommt aus der Gegend rund um den Titicacasee in den Anden und bedeutet soviel wie "Ausblick ins Blaue".
Ein Ausflug an den Strand von Copacabana war lange Zeit äußerst beschwerlich, trennten doch steile Hügel das Zentrum Rios von den Stränden im Süden. Der Bau eines Tunnels, durch den eine von Eseln gezogene Straßenbahn fuhr, brachte erstmals Leben in die Gegend, eröffnet wurde er am 6. Juli 1892.
Zitat: Die Tageszeitung Jornal do Commercio bemerkte in ihrer Ausgabe vom 7. Juli: "Mit der neuen Linie hat die Garden Rail Road Company der Bevölkerung dieser Stadt einen guten Dienst geleistet; sie bietet ihr nun ein weiteres angenehmes Ziel für Ausflüge und in Zukunft, wenn das Gelände so weit eingeebnet und konsolidiert sein wird, eine ebenso angenehme Wohnstatt."

Die Straßenbahn war zunächst zwischen Dünen und Palmen unterwegs, doch rasch entwickelte sich ein neuer Stadtteil, zunächst mit den damals so schicken Meerbädern. Noch hatte das Bad im Meer vor allem gesundheitliche Gründe, erst nach und nach legten die Menschen die Angst vor dem Meer ab - und nach und nach auch ihre Kleidung.
Zitat: Der Mythos Copacabana funktioniert bis heute wesentlich über Körper - weibliche, männliche, produzierte, natürliche, speziell bekleidete und inszenierte Körper. Die Trends werden heute anderswo gesetzt, doch als Körper-Bühne ist die Copa immer noch wichtiger als die meisten anderen Orte Rios.

Der Autor nimmt den Leser mit auf eine bunte Reise durch die Geschichte der Bademode, aus bodenlang wird kniekurz, aus dem französischen Badeanzug, dem Maillôt, wird irgendwann der brasilianische Bikini namens Fio dental, zu Deutsch: Zahnseide, der nur das notwendigste bedeckt. Mit viel Lokalkolorit berichtet Dawid Danilo Bartelt von zahlreichen anderen brasilianischen Traditionen wie Candomblé, einer Naturreligion afrikanischen Ursprungs, oder dem Kampftanz Capoeira. Viele Zitate und Gespräche  bereichern den Text, brasilianische Autoren und Wissenschafter kommen genauso zu Wort wie Strandverkäufer.
Zitat: Im Gespräch haben mir mehrere stolz berichtet, mit ihrer Arbeit Wohnungskäufe und das Studium der Kinder finanziert zu haben. Laércio zum Beispiel verkauft seit 52 Jahren Eis an der Copacabana. Er steht um vier Uhr auf und ist um 22 Uhr wieder zu Hause. [...] Aber er liebe seinen Arbeitsplatz, weil hier niemand diskriminiert werde, alle seien gleich, ob arm, ob reich.

Auch der Architektur Copacabanas wird in diesem Buch viel Raum gegeben. Der Bau des Hotels Copacabana Palace war ein Meilenstein für die städtebauliche Entwicklung, später entstanden dann die Art-déco-Gebäude - in einem davon hatte der im Vorjahr verstorbene Architekt Oscar Niemeyer sein Büro.
Zitat: Es sollte nur noch wenige Jahre dauern, bis die scharfen Kanten und rechten Winkel der modernen Großgebäude das Stadtbild Copacabanas dominierten - doch die Konkave der Bucht, die Rundungen der morros, die den Stadtteil begrenzen, und ihre geschwungene Sihouette gegen den Abendhimmel konterkarieren weiterhin das Kantige.

Und wenn auch der berühmteste Bossa Nova am Nachbarstrand Ipanema spielt, so ist Copacabana doch der Geburtsort dieses Musikstils.
Zitat: Es kam nur ein Ort in Frage, wo die jungen Musiker ihren neuen Schlag ausprobieren und populär machen konnten: Copacabana. A princesinha do mar (Das Prinzesschen des Meeres) war über Jahre das unbestrittene Zentrum des Nachtlebens des ganzen Landes, vor allem des Nachtlebens mit Livemusik.
Der Bossa trat in den USA seinen Siegeszug an, die Clubs kamen und gingen, geblieben sind jedoch die Menschen, die im Viertel Copacabana leben. Die weißen, hellbraunen oder mittelbraunen in den Apartmenthäusern, die schwarzen in den Favelas auf den Hügeln, den morros, in prekären Verhältnissen, wenn auch mit dem besten Meerblick.
Zitat: Der Strand hat Regeln, der Strand hat Grenzen, der Strand ist Seismograph, Spiegel und Reflex gesellschaftlicher Prozesse in Brasilien. Insofern ist der Strand Ausdruck von Demokratie und Klientelpolitik gleichermaßen, so freundlich, so rassistisch, so ungleich oder so schön wie Land und Leute überall in Brasilien.

Das Buch Copacabana, Biografie eines Sehnsuchtsortes liest sich wie ein historischer Reiseführer, der aber immer auch die Gegenwart miteinbezieht, es ist fundiert und gescheit geschrieben, wird nie flapsig oder anbiedernd. Wer schon einmal in Rio de Janeiro war und an der Copacabana entlang spaziert ist, fühlt sich wieder dorthin versetzt, erfreut sich an zahlreichen ironischen Hinweisen des Autors. Und wer noch nie dort war, den könnte bei der Lektüre die Sehnsucht nach diesem Ort packen.

Dawid Danilo Bartelt: Copacabana, Biografie eines Sehnsuchtsortes (erschienen bei Wagenbach)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen