Freitag, 17. März 2017

Baldermann.

Josef Anton Baldermann, geboren 1903, wohnhaft zumeist in Wien-Brigittenau. Ein Arbeiter im Roten Wien, einer von vielen. Einer, der immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist und schließlich für seine politische Einstellung mit der schlimmsten Strafe bestraft wurde. Josef Anton Baldermann wurde 1943 in Berlin von den Nationalsozialisten hingerichtet. Die renommierte (ehemalige profil-)Journalistin Marianne Enigl beschäftigt sich seit gut 15 Jahren mit dem Leben und dem Sterben Baldermanns. Nun liegt die Biografie im Mandelbaum-Verlag als Buch vor.

Josef Anton Baldermann ist einer der vielen Unbekannten, die vom NS-Regime zum Tode verurteilt wurden. Die Autorin Marianne Enigl formuliert es so: "Wir denken immer, kleine Menschen haben nur kleine Geschichten. Aber wenn man hinschaut, sieht man, dass kleine Menschen genauso große Geschichten haben und manchmal sogar größere."

Der Sohn Josef Baldermanns, Josef Richard Baldermann, ist heute 75 Jahre alt. Seinen Vater hat er nur zweimal gesehen, im Alter von eineinhalb Jahren, im Gefängnis in Berlin. Kennengelernt hat er ihn erst viel später, durch die vielen Briefe, die die Mutter aufbewahrt hat: "Also wenn ich die Briefe lese, ich sag es Ihnen ganz ehrlich, maximal zehn Minuten, dann muss ich sie wieder weglegen, weil die packen mich so innerlich. Also ich kann gar nicht mehr als zwei, drei Briefe über diese Zeit und das Leid und dieses Elend lesen." Es sind Briefe aus der Haft in Wien, aus dem Konzentrationslager Groß-Rosen, aus der Todeszelle in Berlin.

Neben den Briefen ist auch ein Tagebuch aus den 1920-er Jahren erhalten.
Zitat: 
23. November 1921 fing ich wieder einmal zu arbeiten an mit einem Stundenlohn von 90 Kronen. - 3. Dezember: Schwarzer Tag. Überwunden. - Mitte Dezember: Schlafe wieder bei meinen Eltern. - Jänner 1922: Sylvester hat gar nichts geheißen, wie das ganze Jahr 1921. Habe genug davon!
Die Wanderjahre der Josef Baldermann in einer schwierigen Zeit, die Wirtschaft in der Krise, die Eltern sind Hausbesorger in einem Gemeindebau in Wien-Brigittenau. Politisch aktiv ist Baldermann schon früh, als Mitglied der sozialistischen Jugend. Im Sommer 1940 verliebt er sich in Hermine Konschitzky, seine Hermi. Auf einer Postkarte von einem Wanderausflug ist zu lesen:
Zitat:
Es war herrlich, schade nur daß ich den Eindruck ohne mein Mädi genießen mußte.

Die beiden heiraten im April 1941, im Juli kommt der Sohn zur Welt. Zwölf Tage später wird Josef Baldermann gemeinsam mit weiteren Arbeitern aus der Brigittenau von der Gestapo verhaftet. In einem Brief aus dem Landesgericht Wien schreibt er:
Zitat:
Bitte liebe Hermi, da ich Bubi noch gar nicht richtig kenne, laß Ihn photographieren und sende das Bild im Kouvert her. Das ist erlaubt. Daß ich weiß wie er aussieht. Denn ich kann ihn mir so nicht vorstellen.
Das Bild wird Josef Baldermann bis zum Tag seiner Hinrichtung bei sich tragen.

Vorgeworfen wird der Brigittenauer Gruppe "Vorbereitung zum Hochverrat", die Beweise bleiben bis zur Urteilsverkündung vage. Baldermann wird bald verlegt, in das KZ Groß-Rosen im heutigen Polen. Und, völlig entkräftet, schließlich nach Berlin, er wartet auf seinen Prozess. Und träumt sich in seinen Briefen zurück in die geliebten Berge.
Zitat:
An den blauen Himmel und den glänzenden Firn meines alten Freundes des Schneebergs wage ich gar nicht mehr zu denken. Ich hätte dabei den innigsten Wunsch, mit Euch meine Liebsten dies noch einmal gemeinsam zu erleben.

Am 9. Oktober 1942 fährt Hermine Baldermann zum letzten Verhandlungstag nach Berlin. Kann ihren Mann sehen, kurz mit ihm sprechen. Das Todesurteil erschüttert die Familie. Wenige Stunden vor seinem Tod schreibt Josef Baldermann am 2. März 1943 an seine Frau:
Zitat:
Liebste Hermi, meine letzte Bitte für Burli, bring Ihm Liebe für alles Schöne, für die Natur, für die Tiere. Gesunde Menschen an Körper und Geist wird die neugeordnete Welt notwendig brauchen.
Liebste Hermi, liebster Sohn das letzte Busserl Pepi

Dieses Buch endet jedoch nicht mit dem Tod Josef Baldermanns, Autorin Marianne Enigl wirft auch einen Blick auf die Familie in Wien, hilflos wartend und in Sorge. Besonders betroffen machen Briefe von Frau Baldermann, die an den Absender zurückkamen, weil ihr Mann bereits woanders hin verlegt worden war, oder auch offizielle Nachrichten, etwa als Hermine Baldermann eine Kleiderrücksendung aus dem KZ Groß-Rosen quittieren muss - die Taschentücher, Pantoffeln und der Rasierpinsel seien überflüssig, heißt es da. "Dass da ein ganzes Biotop, eine ganze Familie betroffen war, mitgekämpft hat und auch nach dem Ende des Krieges auch weiterkämpfen musste. Weil Anerkennung haben sie nie bekommen", sagt die Autorin. Wovon sollen sie leben? Wo wohnen? Wie umgehen mit der Tatsache, dass der Mann hingerichtet wurde? Im Kindergarten - so erzählt Josef Baldermann Junior - sagt die Mutter, ihr Mann sei gefallen: "Nach einem Monat sind die dann drauf gekommen, dass mein Vater natürlich nicht gefallen war, sondern im Widerstand. Haben sie also die Mutter vorgeladen, warum haben Sie das gesagt, dass er gefallen ist? – und wollten mich rausschmeißen. Und meine Mutter hat angeblich gesagt: Ja, gefallen ist er schon. Nur eben er für seine Ideen und seine Prinzipien."

Es ist ein sehr persönliches, fast intimes Buch, auch wenn vieles in den Briefen - aufgrund der strengen Zensur der Nationalsozialisten - nur zu erahnen oder zwischen den Zeilen zu lesen ist. Was der Sohn Josef Baldermann von seinem Vater geerbt hat? "Vielleicht manchmal die Hartnäckigkeit und ganz wichtig: das Niemals-Vergessen. Diese Zeit darf nicht vergessen werden, die Zeit des Terrors und die Zeit ohne Gnade."

Ein gemeinsames Foto seiner Eltern hat der Sohn nicht. Und so hat er einfach zwei Fotografien zusammengeklebt. Dieses Buch ist ein außergewöhnlich berührendes Zeugnis einer Familiengeschichte aus dem Roten Wien. Und es ist definitiv keine kleine Geschichte.

Marianne Enigl: Baldermann. Wien 1903 – Berlin-Plötzensee 1943. Eine Arbeitergeschichte im Roten Wien (Mandelbaum Wien 2017)

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