Samstag, 19. Oktober 2013

Politische Literatur in Brasilien.


Journal Panorama, 17.10.2013


Die bejubelte Eröffnungsrede bei der Frankfurter Buchmesse des brasilianischen Autors Luiz Ruffato zeichnete ein Land, das mit den gängigen Klischees Samba, Fußball und Caipirinha wenig zu tun hat. Ruffato sprach von sozialen Gegensätzen, von einer gewaltigen gesellschaftlichen Schieflage und vielen wirtschaftlichen Problemen. Wie reagiert die brasilianische Literatur darauf, wie politisch ist sie? Und wie sehen europäische Beobachter die Entwicklung Brasiliens?

Rückblende - Frühsommer 2013: in zahlreichen Städten Brasiliens gehen Hunderttausende Menschen auf die Straßen. Weltweit wird darüber berichtet. Was war passiert? Wieso konnte sich der Zorn der Bevölkerung derart hochschaukeln, dass sogar der Fernsehsender TV Globo erstmals in seiner Geschichte eine Telenovela unterbrach, um von den Demonstrationen zu berichten? Anstoß der Proteste war ja die Forderung nach besseren öffentlichen Verkehrsverbindungen und günstigeren Tickets. Doch trotz zahlreicher Zusagen und Versprechungen von Politikern gingen die Proteste weiter: die Menschen demonstrierten gegen Machtmissbrauch, Korruption und Geldverschwendung für die sportlichen Großereignisse. Auf Transparenten war etwa zu lesen: "Herr Präsident, werden Sie sich in diesem neuen Fußballstadion künftig um meinen kranken Sohn kümmern?“

Die Historikerin Ursula Prutsch hat gemeinsam mit dem Romanisten Enrique Rodrigues-Moura eine Kulturgeschichte Brasiliens geschrieben, es ist pünktlich zur Frankfurter Buchmesse erschienen. Am Rande einer Konferenz zum Thema „Weltmacht Brasilien, Chancen und Risiken eines Aufstieges" in Wien sagt sie zu den Protesten in Brasilien:
„Demonstriert haben Brasilianer immer wieder, eine Demonstrationskultur hat sich in den letzten Jahren der Militärdiktatur in Brasilien entwickelt, und diejenigen, die jetzt demonstrieren, sind dieser Mittelstand, die gerade [...] durch diese Sozialpolitik, durch einen stärkeren Real, durch eine stärkere Währung [aus der Armut aufgestiegen sind], die jetzt endlich bestimmte Konsumprodukte kaufen konnten, wie Autos oder technische Geräte, Computer, und das ja auch auf billige Kredite gemacht haben, also auf viel Pump, das ist ja auch gefährlich, die wollen diese Vorteile nicht mehr verlieren. Das ist ein relativ fragiles System jetzt, oder eine fragile Politik, durch diese Sozialpolitik von Lula, durch diese Familienbeihilfen, durch diese Unterstützung nehmen viel mehr Brasilianer und Brasilianerinnen politische Rechte wahr. Also ich denke mir schon, dass dieser Demokratisierungsprozess, der erst sehr langsam in Gang gekommen ist in den 90er Jahren, stärker zu greifen beginnt.“ 

Brasilien hat im Vergleich zu Europa eine recht kurze 500jährige Geschichte und der Großteil davon war fremdbestimmt. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts begann das Land sich selbst, seine Identität, seine Eigenarten zu suchen. Einflüsse gab es viele: Sie kamen von der indigenen Bevölkerung, die bereits im Land war, als die Portugiesen mit ihren Segelschiffen an der Küste landeten. Von den Millionen schwarzer Sklaven, die aus Afrika nach Brasilien gebracht wurden. Auch der Kolonialherr Portugal und die vielen Auswanderer aus allen Teilen der Welt haben das Land geprägt. Im Buch Brasilien. Eine Kulturgeschichte heißt es etwa zum Umgang mit dem indigenen Erbe:
Zitat: Die Eingliederung der Indios in die Nation inspirierte auch Autoren. In Rio erschien 1911 O triste fim do Policarpo Quaresma (deutsch: Das traurige Ende des Policarpo Quaresma). Darin träumt ein unbedeutender, aber redlicher Beamter im Kriegsministerium [...] von Mitteln und Wegen, wie sein Land modernisiert und die Unfähigkeit seiner politisch Verantwortlichen beseitigt werden könnte. Policarpo studiert  die Indios [...] und kommt zum Schluss, dass es nur Zeit und ein wenig mehr Ursprünglichkeit brauche. Seine Utopien machen ihn zum Gespött der Leute und bringen ihn schließlich ins Irrenhaus. [...] Das Buch ist eine patriotische Anklage. [Der Autor] Lima Barreto spart nicht mit Kritik an der Korruption in seiner Heimat, dem inquisitorischen Terror und dem literarischen Hurra-Patriotismus. Ihn fasziniert das Komisch-Respektlose der Volkskultur, gleichzeitig schockiert ihn der soziale Zustand seines Landes. 

Brasilien war von Beginn an ein Schmelztiegel der Kulturen und ist das bis heute geblieben. Seit knapp 20 Jahren stabilisiert sich das Land: eine kluge Wirtschafts- und Finanzpolitik, zum Beispiel durch die Unterstützung von kleineren und mittleren Unternehmen, hat dafür gesorgt, dass Brasilien 2008 relativ unbeschadet durch die Finanzkrise gekommen ist. Der wichtigste Politiker der letzten Jahre ist natürlich der ehemalige Präsident Luis Inácio Lula da Silva, kurz Lula, er hat die Bevölkerungsstruktur mit seiner Sozialpolitik, und da vor allem mit Hilfe der Familienförderung - der bolsa família - kräftig verändert und rund 40 Millionen Menschen aus der bitteren Armut geholt hat. Und Lula habe auch damit begonnen, mit verschiedenen Mythen Schluss zu machen, sagt Ursula Prutsch:
Und der stärkste Mythos für uns ist der Mythos der so genannten Rassendemokratie, das ist ein Wort, das in den 30er Jahren geprägt worden ist von Gilberto Freyre und dann auch von Stefan Zweig übernommen worden ist in seinem Buch Brasilien, Land der Zukunft. Und da ging es eben darum, in den 30er Jahren, eine starke Identität zu schaffen für dieses riesige Land, aber eine Identität, die eben sehr viel verdeckt hat, vor allem den Rassismus, den Rassismus gegenüber der schwarzen Bevölkerung, der manifest ist bis heute – je dunkler, desto schlechter gestellt. Und diese Rassendemokratie, die vorgibt, Brasilien ist ein Land unterschiedlicher Ethnien der europäischen Einwanderer, der indigenen Völker, der afrobrasilianischen Völker, alle verstehen sich, es gibt kaum Krieg, es gibt keine Konflikte, und diese Rassendemokratie, die wird jetzt zunehmend aufgebrochen.“
Doch das gehe nicht von heute auf morgen, die Klassenunterschiede seien immer noch enorm, der Rassismus sei immer noch vorhanden, versprochene Reformen würden nur sehr langsam umgesetzt.

Frankfurt - Eröffnung der Buchmesse Mitte Oktober. Brasilien will sich abseits der Klischees zeigen, als Land voller Stimmen und einer vielfältigen Kultur. Und eine Stimme ist bei der Eröffnung - normalerweise eine straff durchinszenierte, dem Protokoll unterworfene Veranstaltung - nicht zu überhören. Der brasilianische Autor Luiz Ruffato lässt mit einer politischen und sehr emotionalen Rede aufhorchen.
Wir sind unter der Ägide des Genozids geboren. Von den vier Millionen Indianern, die es im Jahr 1500 gab, sind heute noch ungefähr 900.000 übrig, von denen ein Teil unter erbärmlichen Bedingungen in Lagern am Rande der Landstraßen oder in den Favelas der großen Städte lebt. Als ein Merkmal brasilianischer Toleranz wird stets die so genannte Rassendemokratie angeführt, der Mythos, es habe keine Vernichtung gegeben, sondern Assimilierung der Ureinwohner. Doch dieser Euphemismus dient lediglich dazu, eine unleugbare Tatsache zu vertuschen: Wenn wir heute ein Land von Mestizen sind, so ist dies Resultat einer Kreuzung zwischen europäischen Männern mit indianischen oder afrikanischen Frauen, genauer gesagt: Die Assimilierung geschah über die Vergewaltigung von Ureinwohnerinnen und Afrikanerinnen durch weiße Kolonisatoren.“
Trotz diverser Verbesserungen wiege das Erbe von 500 Jahren Machtmissbrauch schwer, so Ruffato weiter. Und gegen Ende der Rede sagt er:
„Ich glaube, vielleicht naiv, daran, dass Literatur etwas verändern kann. Als Kind einer Analphabetin und Waschfrau, eines des Lesens fast unkundigen Popcornverkäufers, selbst Popcornverkäufer, Kassierer, Verkäufer, Textilarbeiter, Dreher, Inhaber einer Imbissbude, wurde mein Leben verändert durch den, wenn auch zufälligen Kontakt mit Büchern. Und wenn das Lesen eines Buchs den Weg eines Menschen verändern kann, und wenn die Gesellschaft aus Menschen besteht, kann Literatur eine Gesellschaft verändern.“

Standing Ovations und Jubel im Publikum. Lange Gesichter hingegen bei einigen Mitgliedern der offiziellen brasilianischen Delegation. Man wollte sich in Frankfurt zwar abseits der gängigen Klischees wie Samba, Fußball und Zuckerhut präsentieren, aber diese Rede war dem einen oder anderen dann doch zu heftig. Brasilien reagiert empfindlich, wenn im Ausland schlecht über das Land gesprochen wird.  Dem nicht genug, der Vizepräsident des Landes, Michel Temer, wird nach seiner Rede bei der Buchmesse-Eröffnung sogar ausgebuht. Das hat es in dieser Form noch nicht gegeben, in Frankfurt. Plötzlich geht es bei der Buchmesse um Politik, in jeder Diskussion, in jedem Gespräch, in jeder Lesung eines brasilianischen Schriftstellers wird die Eröffnungsrede Ruffatos reflektiert und analysiert, gelobt oder kritisiert. Der Schriftsteller João Paulo Cuenca betont, wie wichtig die Rede gewesen sei:
„Unsere Kultur, auch wenn mancher das nicht wissen will, muss sich mit diesen Widersprüchen und dieser extremen Gewalt auseinandersetzen. Ein Land, das durch Gewalt entstanden ist, bleibt auch gewalttätig und ungerecht. Und die Rede Ruffatos war historisch und beispielhaft, sie wurde auch schon entsprechend gewürdigt, aber es gab auch gegenteilige Reaktionen. Einige Schriftsteller, vor allem der älteren Generation, sind der Meinung, man dürfe im Ausland nicht schlecht über seine Heimat sprechen. Das ist ein komplett absurder Gedanke. Wenn wir von Brasilien sprechen, dann dürfen wir nicht nur über den Strand sprechen und über den Corcovado. Denn selbst die brasilianische Literatur ist nicht nur das und es ist Heuchelei, wenn wir nicht darüber reden, was just in diesem Moment passiert, nämlich, dass die Menschen für ihre Rechte auf die Straßen gehen und von der Polizei misshandelt werden.“ 

Luiz Ruffato selbst, ist auch wenige Tage nach der Eröffnung davon überzeugt, dass es richtig war, diese Rede an genau diesem Ort, also der Frankfurter Buchmesse, zu halten:
„Ich habe daran keinerlei Zweifel. Ich glaube, wenn wir von Büchern oder Literatur sprechen, sollte man annehmen dürfen, dass es dafür Raum gibt. Raum, um über das Leben und über die Gesellschaft nachzudenken. Und, ja, hier ist der richtige Platz dafür. Es bringt uns nicht weiter, wenn wir ständig davon reden, dass wir hier feiern, das machen wir sowieso jeden Tag, aber hier ist ein adäquates Forum, um Ideen zu diskutieren, ihnen freien Lauf zu lassen. Wenn eine Buchmesse nicht der richtige Platz dafür ist, über Ideen zu diskutieren, dann weiß ich auch nicht, wo der sein soll.“
Er habe gewusst, dass seine Rede für Diskussionen sorgen würde, er habe mit unterschiedlichen, auch heftigen Reaktionen gerechnet, erzählt er weiter, nicht aber damit:
„Ich bin gestern genau an diesem Tisch gesessen und habe einem deutschen Journalisten ein Interview gegeben, als zwei Brasilianer vorbeikamen und versuchten, mich körperlich anzugreifen. Sie haben gesagt, ich soll aus Brasilien verschwinden, wenn ich so unzufrieden wäre. Ich sei undankbar, ich würde Brasilien bloßstellen, und dazu hätte ich nicht das Recht. Ich stehe immer noch zu meiner Rede, ich sage nicht, dass ich Recht habe – was ich gesagt habe, ist weder richtig noch falsch. Ich wollte einfach, dass die Leute nachdenken. Ob sie mit mir übereinstimmen oder nicht, körperlich angreifen sollen sie mich nicht.“ 

Der Großteil der brasilianischen Autoren zeigt sich solidarisch mit Ruffato, in einem Manifest unterstützen sie außerdem die in Rio de Janeiro streikenden Lehrer, fordern das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit, und vor allem das Recht auf Bildung. Insgesamt 70 brasilianische Autorinnen und Autoren wurden zur Buchmesse nach Frankfurt eingeladen, um ihr Land zu repräsentieren. Darunter João Paulo Cuenca und Andréa Del Fuego, beide gehören zur jüngeren Autorengeneration, von beiden sind gerade Romane in deutscher Übersetzung erschienen. Die Frage, ob und wieweit ein Schriftsteller sich politisch engagieren sollte, beantworten sie so:
„Ich denke, man ist politisch, auch wenn man gar nicht politisch sein will. Freilich müssen sich nicht alle Romane, oder meine Romane, genau hiermit oder damit beschäftigen. Ich muss nicht konkret über die sozialen Probleme in meinem Land schreiben, aber ich habe diese Probleme immer im Hinterkopf, sie beeinflussen mich und meine Arbeit ständig und augenscheinlich - alles was ich sage. Wenn ich hier in Deutschland sitze und ein Interview gebe und über mein Land spreche, kann ich das, was dort passiert, nicht einfach ignorieren. Das muss ich doch tun, wenn nicht, wäre das auf jeden Fall erbärmlich.“
„Ich war einmal sehr überrascht, als ich ein Buch über meine Familie geschrieben habe, das vor 80 Jahren spielt, an einem ruhigen und friedlichen Ort  im brasilianischen Hinterland, und ich dachte, ich schreibe einfach eine literarische Geschichte. Dann erkannte ich plötzlich, vor allem nachdem das Buch übersetzt worden war und ich die Rezensionen las, um selbst besser zu verstehen, was ich da geschrieben hatte, dass soziale politische Fragen in allen Fasern des Textes enthalten waren. Wir schreiben an einem bestimmten Ort, in einem bestimmten Geist - die politische Geschichte deines Landes, deiner Herkunft, deiner Familie wird immer alles durchziehen.“ 

Die Humanwissenschaftlerin und Autorin Lilia Moritz Schwarcz, die sich in ihren Büchern immer wieder mit sozialer Identität und Rassismus beschäftigt, verweist darauf, dass es immer zwei Seiten zu beleuchten gebe, auch wenn in ihrem Land vieles im Argen liege:
„Ein Land, in dem es viel Korruption gibt, in dem das Recht des Stärkeren gilt, in dem die Gesetze oftmals nichts wert sind, viel wichtiger sind Beziehungen – und worauf ich in meinen Büchern aufmerksam machen möchte, ist die Schwierigkeit, die wir haben, wenn es um soziale Einbeziehung oder Ausgrenzung geht. Wir wissen, dass die Vermischung der Rassen oft durch Gewalt, durch Vergewaltigung von statten gegangen ist, aber wir wissen auch, dass daraus ein Land mit einer kulturellen Vielfalt entstanden ist. Das sehen wir in der Musik, im Sport, und natürlich auch in der Kunst und in der Literatur. Und das ist sehr wichtig, wir sollten es wertschätzen.“

Emotional reagiert Paulo Lins, der Autor des Buches Die Stadt Gottes, über den an späterer Stelle nochmals gesprochen werden wird:
„Sie haben für alles Geld, für die Fußball-Weltmeisterschaft, für Stadien, sie haben Geld für einen Haufen Dinge. Und sie haben kein Geld, um die Lehrer besser zu bezahlen, um die Schulen technisch besser auszustatten. Wenn die öffentlichen Schulen nicht besser werden, wird es auch keine Leser geben. Stell dir vor, bei uns gibt es Schulen, in denen gibt es keine Bibliothek! Schulen ohne Bibliothek! Das ist ein Wahnsinn.“ 

In diesem Punkt sind sich die brasilianischen Autorinnen und Autoren einig: es müsse viel mehr in Bildung investiert werden. Und ebenso wie Luiz Ruffato glauben sie daran: Literatur könne den Menschen und damit auch die Gesellschaft verändern. Wobei es die Autorin Beatriz Bracher so formuliert:
„Ich glaube, dass Wörter die Macht haben, etwas zu verändern, immer, wenn wir uns unterhalten und Ideen diskutieren. In dieser Hinsicht hat die Kunst eine Macht, Menschen zu  beeinflussen, die stärker ist als die Vernunft. In Wahrheit glaube ich aber, dass die Politik die Welt stärker verändert als die Literatur es tut. Aber die Literatur kann die Gedanken der Politiker verändern.“
Denn nur wer lese, könne sich eine eigene Meinung bilden.

Auch wenn Präsident Lula da Silva die Mittelschicht gestärkt hat, in Brasilien gibt es heute noch immer rund 16 Millionen Analphabeten, das sind knapp zwölf Prozent der Bevölkerung. Gerade in den vergangenen Jahren wurden viele kleine Initiativen ins Leben gerufen, oft ohne staatliche Unterstützung und mit privaten Mitteln finanziert, die versuchen, Literatur dorthin zu bringen, wo die Menschen oftmals ihr ganzes Leben lang kein Buch in die Hand nehmen, geschweige denn lesen, geschweige denn selbst etwas schreiben. Gemeint sind die Armenviertel, die Favelas. Die Schriftstellerin Adriana Lisboa erzählt von einem bewegenden Augenblick bei einer derartigen Literaturveranstaltung in einer Favela in Rio de Janeiro:
„Ich habe kürzlich in Brasilien an einem Programm namens FLUPP teilgenommen, dem Literaturfest der Einheiten der Befriedungspolizei, in einer Favela in Rio de Janeiro. Und 50, 60-jährige Menschen haben dank dieser Programme, die teilweise ganz kleine Initiativen sind, aber die immer wichtiger werden, dank dieser sozialen Programme, die niemanden ausschließen, erstmals Kontakt mit Büchern. Eine ältere Frau gab mir nach meinem Treffen ein Gedicht, das sie selbst geschrieben hatte und sie sagte: „Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt, Gedichte! Ich bin so verzaubert, mein ganzes Leben ist nur noch Poesie, ich will nichts anderes mehr!“ Da sieht man doch, dass Literatur, egal ob Prosa oder Lyrik etwas im Leben der Menschen bewirken kann. Sie muss nur verfügbar sein für alle, die interessiert sind, und darf nicht das Privileg einer Elite sein.“ 

Auch im Buch Brasilien. Eine Kulturgeschichte geht es immer wieder um die politische Literatur in Brasilien. Bereits im 19. Jahrhundert schrieben Autoren gegen Machtmissbrauch und Korruption an, suchten eine eigene brasilianische Identität und Nationalität. In den 1920er Jahren versuchte sich die brasilianische Kunst neu zu erfinden, die Semana da Arte Moderna, die Woche der Modernen Kunst, 1922 in Sao Paulo, war ein wegweisendes Ereignis. Innen- und Außensicht Brasiliens waren und sind nicht immer kompatibel, Klischees überlagerten oftmals die Realität - und das sei auch heute noch so, sagt Ursula Prutsch: Politische Bücher fänden meist nur schwer ihren Weg in europäische Bücherregale:
„Es hängt sehr stark davon ab, was wir wahrnehmen und was wir rezipieren, bzw. was und welche Art von Literatur überhaupt ins Deutsche übersetzt wird von den Verlagen und propagiert wird. Und das ist, so habe ich den Eindruck, noch immer sehr stark diese auf Exotismus eingehende Literatur. Jorge Amado, zum Beispiel, wurde letztes Jahr wieder aufgelegt anlässlich seines 100. Geburtstages. Und das vermittelt ja nur ein sehr kleines Bild der brasilianischen Identitäten und Realitäten. Also, Salvador de Bahia, Exotismus, Mulatinnen. Aber es gibt sehr wohl eine politische Literatur und vor allem eine Literatur, die sich in den Favelas konstituiert hat, vor allem durch Paulo Lins Roman Cidade de Deus, das es ja auch auf Deutsch gibt, Die Stadt Gottes, 1997 geschrieben und Paulo Lins kommt ja aus den Favelas, und vor allem auch durch die Verfilmung dieses Buches ist dann eine Art von Favelaliteratur in Gang gesetzt worden, die sogar den politischen Prozess beeinflusst hat, also, der internationale Blick auf die Favelas war durch die Literatur früher geschärft, als die brasilianische Politik das dann als Problem wahrgenommen hat.“ 

„Falha a fala, fala a bala“ - Wo es keine Sprache gibt, dort sprechen die Kugeln, ein Zitat aus dem Roman Die Stadt Gottes von Paulo Lins. Diese Favela-Literatur, die sich mit den Bewohnern und deren Problemen, wie Gewalt, Drogenhandel oder Prostitution auseinandersetzt, hat derzeit noch einen Vertreter, der aus der Menge heraussticht. Nicht nur durch sein Äußeres - dichter Bart, schwarze Brille, Baseballkappe, Goldkette, Kleidung im Hiphopstyle - sondern vor allem durch seine Ansichten und sein Engagement. Der Mann heißt Ferréz, lebt seit seiner Geburt in einer Favela der Mega-Metropole São Paulo. Bei seiner Lesung am vorletzten Tag der Buchmesse in Frankfurt ist im Auditorium jeder Platz besetzt, sogar in den Gängen drängen sich die Zuhörer. Ferréz engagiert sich in seinem Viertel, arbeit in einem Sozialprojekt mit Kindern, investiert dort das, was er mit seinen Büchern verdient.
„Ich mache das, weil ich es dem Viertel schuldig bin. Das Viertel hat mir so viel gegeben - obwohl die Menschen selbst so wenig haben, haben sie mich eingeladen, haben mir ihre Geschichten erzählt, waren meine Begleiter. Und indem ich das an die nächste Generation weitergebe, gebe ich ihnen ein bisschen Liebe und Zuneigung zurück.
Er ist so ganz anders als die anderen Autoren, die ihre Bücher auf der Buchmesse bewerben. Ob er sich denn trotzdem als ein Mitglied des brasilianischen Literaturbetriebes fühlt?
„Ja, das tue ich, auch wenn ich am Rand stehe. Ich bin heute Teil des Know-hows, ich mische mich ein, ich schau hinter die Kulissen. Und vor allem habe ich sehr viele Leser, das ist das Wichtigste.“
Die Literatur, die Ferréz schreibt, wird als literatura marginal bezeichnet, eine Literatur, die sich mit Problemen der Peripherie beschäftigt. Mit Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben. Mit der so genannten Subkultur. Ferréz sieht sich aber keineswegs als Vertreter einer Minderheit, ganz im Gegenteil.
„Ich rede tatsächlich mit der Mehrheit der Brasilianer, wenn ich von der Peripherie rede. Denn die Mehrheit lebt nicht in den noblen Stadtteilen, die Mehrheit ist eben woanders, in der Favela und sie wird immer mehr. Mit all denen, die in diesem Land arbeiten, rede ich. Die Busfahrer, die sich um den Transport kümmern, die Sicherheitsleute, mit denen rede ich.“
In Ferréz Texten geht es um Gewalt, Brutalität, Drogen, Sexualität. Er verwendet die Sprache der Straße, verwendet Slang und Ausdrücke aus Rap und Hip-Hop.
„Ja, das ist sehr, sehr wichtig. Ein Kind muss früh davon erfahren, denn es wird im Leben unvermeidbar damit konfrontiert werden. Je früher Kinder damit umgehen lernen, desto besser. Es muss aufmerksam sein und darf nichts verschlafen.“
Politik und Literatur seien untrennbar verbunden, ist Ferréz überzeugt. Der Schriftsteller müsse sich engagieren.
„Ganz klar, das ist meine Aufgabe. Der Denker muss die schlechte Welt, in der er lebt, besser machen. Ein Denker muss ein Chronist der schlechten Zeit sein, und versuchen, die Welt zu verbessern. Sonst bringt das nichts. Ich glaube daran, dass Literatur die Macht hat, etwas zu verändern, sonst wäre ich nicht hier. Wahrscheinlich wäre ich tot. Die Literatur hat mich hier her gebracht, die Bücher von Hermann Hesse, der wohl niemals daran gedacht hat, dass irgendwann ein Typ aus der Favela diese Bücher lesen würde. Verstehst Du? Das hat mich verändert, schau, wo ich jetzt bin.“
Es gibt in Brasilien einige Autoren, die die Themen Favela, Gewalt oder Drogen aufgreifen. Doch meist ist es eine Sicht von außen. Er, Ferréz, weiß, wovon er spricht.
„Ich komme von dort. Seit 38 Jahren lebe ich an der Peripherie. Ich kenne das Chaos, den Drogenhandel, dieser Wahnsinn. Ich lebe genau dort.“
Sagt Ferréz, wohl einer der authentischsten zeitgenössischen brasilianischen Autoren.

Die Buchmesse in Frankfurt ist zu Ende. Ob Brasilien einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, ob die vielen Stimmen auch künftig zu hören und zu lesen sein werden, und wie sich das Land in Zukunft entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Ein junger Autor verkaufe kaum mehr als 3.000 Bücher, selbst wenn er in einem der renommierten Verlage publiziert, schreibt Ursula Prutsch in ihrem Buch Brasilien. Eine Kulturgeschichte. Und nicht nur im Kulturbereich und in der Bildung habe Brasilien viel nachzuholen, noch immer prägten Korruptionsprozesse den politischen Alltag, noch immer seien die Greuel der Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985 nicht gänzlich aufgearbeitet. Die Gefahr, dass Brasilien nach Großereignissen wie der Fußballweltmeisterschaft 2014 oder den Olympischen Spielen 2016 wieder in alte Muster zurückfallen könnte, sieht Ursula Prutsch aber dennoch nicht:
„Es gibt wirklich positive Symbole, das ist eben einfach eine stärkere Demokratisierung der Gesellschaft und ich sage auch dann gerne zu solchen Kritikern, schauen Sie sich die Situation in Ungarn an oder in Russland, wo sich die Politik wirklich destabilisiert, wo Oppositionelle nicht mehr ihre Meinung sagen können. Das ist in Brasilien nicht der Fall, also wir haben doch stabilere Demokratie als vor zwanzig Jahren, wobei man auch sagen muss, das hängt sehr stark von den Regionen ab: Südbrasilien kann man durchaus in vielem mit einem durchschnittlichen EU-Land vergleichen, Nordostbrasilien, die Amazonasregion gilt oft als eine Art von Indien, man sprich ja auch von „Bel-India“, also Belgien und Indien sei Brasilien zusammen, also da haben Sie feudale Strukturen und Clanstrukturen und wenig demokratisches Verständnis. Trotzdem hoffen wir, dass sich das ändert, weil viele Brasilianer auch sagen, wir haben so oft Rückschläge gehabt, gerade die Mittelschicht, man können nur nach vorn schauen. Und deswegen denke ich, oder hoffe ich, dass die brasilianische Politik mit ihrer sozialen Marktwirtschaft das Land nicht in eine große Krise stürzen wird, aber das hängt eben nicht nur von Brasilien ab, das ist ja eine sehr global vernetzte Politik.“
Man könne die aktuellen Demonstrationen auch in diesem Sinne begreifen, dass die Welt endlich aufhören möge, Brasilien nur mit Zuckerhut, Copacabana und Fußball zu assoziieren, schreibt Ursula Prutsch im letzten Kapitel ihres Buches. Die Proteste würden zeigen, dass die Demokratie zu demokratisieren sei. Und sie fasst zusammen: Brasilien sei international nicht mehr zu überhören, weder ökonomisch und politisch, noch kulturell.


Ursula Prutsch / Enrique Rodrigues-Moura: Brasilien. Eine Kulturgeschichte (transcript)
Luiz Ruffato: Mama, es geht mir gut (Assoziation A)
João Paulo Cuenca: Mastroianni. Ein Tag (A1-Verlag)
Andréa Del Fuego: Geschwister des Wassers (Hanser)
Paulo Lins: Seit der Samba Samba ist (Droemer)
Beatriz Bracher: Antonio (Assoziation A)
Adriana Lisboa: Der Sommer der Schmetterlinge (Aufbau Verlag)
Ferréz: Erzählung in der Anthologie Popcorn unterm Zuckerhut (Wagenbach)

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